36: Ein krasser Fall von BurnOut

Mein Vertrag bei der OPCU 17 lief nach vier Jahren aus. Ich hatte Menschen entführt, Menschen verletzt, Menschen gefoltert und ich hatte Menschen getötet. Alles mit hochoffizieller Genehmigung. Die Bullen waren kein Problem, die tanzten immer erst an als ich schon über alle Berge war. Ich fühlte mich wohl in der Army hatte ein Dach über dem Kopf, vier Wände drum herum, drei warme Mahlzeiten am Tag und konnte tun und lassen was ich wollte. Der Truppenausweis war sowas wie die Leck-mich-am-Arsch-ich-darf-das-Karte. Es gab Schlimmeres. Außerdem lernte ich viel. Nicht nur über das Töten sondern auch über das Leben. Egal für wie hart du dich hälst, es gibt immer jemanden der noch krasser drauf ist als du. Also musst du lernen und nachlegen. Zudem lernte ich das ein Gewissen in dieser Welt fehl am Platz ist. Es hält dich nur davon ab zu tun was getan werden muss. Deswegen schaltete ich es einfach aus und bis zum heutigen Tag habe ich es nicht mehr eingeschaltet. Wozu auch? Wenn du etwas tust ist egal wie du später darüber denkst, rückgängig kannst du es nicht machen. Also scheiss drauf. Genauso verhält es sich mit Entschuldigungen. Seien wir einmal ehrlich, was ändern die Worte: Es tut mir Leid? Nichts. Es macht Menschen nicht wieder lebendig, es heilt keine Wunden und es repariert keine kaputten Sachen. Niemand wird deine Entschuldigung jemals wirklich annehmen, niemand wird dir etwas komplett verzeihen. Sollen sie mich hassen solange sie mich fürchten.
Wenn dein Vertrag mit der Army ausläuft wirst du zu deinem kommandierenden Offizier bestellt um ein Abschlussgespräch zu führen. Wenn du gut warst wird er dir anbieten einen neuen Vertrag über weitere vier Jahre ab zu schließen. Wenn du schlecht warst bekommst du dein Entlassungsgeld und bist raus aus dem Geschäft. In meinem Fall hielten sich Gut und Schlecht die Waage. Weder herrausragend gut noch grottenschlecht. Irgendwo dazwischen.
Der Flur der untersten Etage roch nach Schuhputzmitteln und der Kiste verschrumpelter Orangen neben der Eingangstür. Zum ersten mal seit langem hatte ich wieder einen Stein im Magen. Leutenant Townsend war niemand der für seine besonders zurückhaltende Art bekannt war. Er war ein Schreihals der Soldaten wegen Kleinigkeiten auf Gartenzwerggröße zusammenstauchte. Selbst gestanden Kriegsveteranen standen zum Teil die Tränen in den Augen wenn sie nach einem von Townsends gebrüllten Monologen aus seinem Büro traten. Ich saß auf einem unbequemen Holzstuhl neben Townsends Bürotür und hörte den Monolog dem er einen unglücklichen Private hielt der bein Einparken seines Jeep einen Reifen an der Bordsteinkannte zum Platzen gebracht hatte. Saboteur war noch die netteste Bezeichnung die der Leutenant aus dem Hut zauberte. Ich klammerte mich an meine mintgrüne Kaffeetasse und rutschte von einer Arschbacke auf die andere. Nicht das ich Schiss vor Townsends Gebrüle hatte, angebrüllt zu werden hat noch niemanden umgebracht, aber was wenn er mich zusammenschrie und mir die Sicherungen durchbrannten? Die nächsten zwanzig Jahre in Slayer Bay zu verbringen weil ich einem Offizier die Schnauze eingeschlagen hatte war kein erstrebenswertes Ziel. Neunzehn, mit guter Führung und positiver Sozialprognose. Townsend bedachte den Private mit allen möglichen Beleidigungen und schien sich richtig in sein Geschrei hinein zu steigern. Irgendwann ging die Tür auf und der Soldat wankte leichenblass über den Flur. Er sah aus als hätte man ihn allein und ohne Waffe durch jeden Krieg geschickt der jemals von jemandem geführt wurde. Ich trank meinen Kaffee leer und stellte die Tasse auf den Tisch neben meinem Stuhl.
>>Kommen Sie rein Konnerly.<< Befahl Townsend. Ich atmete einmal tief durch und betrat das Büro. Townsend wischte sich Schweiß von der Stirn und zeigte wortlos auf einen gepolsterten Sessel vor seinem penibel aufgeräumten Schreibtisch. Allgemein war sein Büro ein steriler Raum. Keine Belobigungen oder Urkunden an den Wänden, keine Fotos auf seinem Schreibtisch, nicht einmal ein Radio oder eine Topfpflanze. Zwei Schränke, ein Schreibtisch und ein Telefon, nicht mehr und nicht weniger.
>>Vollidioten.<< Murmelte er gerade laut genug damit ich es hören konnte. >>Sollte sie alle wegen Sabotage und Wehrkraftzersetzung erschießen lassen...<<
Ich setzte mich auf den Stuhl. Townsend sah mich kurz an und nahm eine Akte aus dem Regal neben dem Telefon. Stumm schlug er sie auf und klickte mit seinem Kugelschreiber.
>>Konnerly, Gerry, geboren am 16. April 2025 in Hallenback, Kentucky. Stimmt das soweit?<<
>>Ja Sir.<<
Townsend riss einen Zettel vom Block neben seinem Telefon und schrieb etwas auf.
>>Wann sind Sie zur Orphan Project Combat Unit gekommen?<<
>>2037.<< Antwortete ich.
>>Geht´s vielleicht etwas genauer?<< Ranzte er.
>>Herbst 2037.<<
>>Na damit ist mir ja sehr geholfen.<<
Ich wollte schon fragen wieviele Gerry Konnerlies wohl im Herbst 2037 dieser Einheit zugewiesen wurden, allzuviele konnten es ja nicht gewesen sein, hielt mich aber zurück.
Townsend überflog meine Akte, komisches Gefühl wenn man zusieht wie jemand das eigene Leben vor Augen hat.
>>Specialist seit März 2038, Einsatzgebiet Columbus, Ohio.<< Der Leutenant hob den Blick. >>Früh übt sich, was?<<
>>Ja Sir.<<
>>167 bestätigte Abschüsse. Nicht schlecht, aber auch nicht beeindruckend.<<
Ich ignorierte die Spitze.
Einen Moment lang herrschte eisiges Schweigen. Dann nahm der Leutenant eine zweite Akte.
>>Nur um Sie nicht dumm sterben zu lassen.<< Setzte Townsend an. >>Ihr BackUp hatte den Befehl Sie zu beobachten und einen Abschlussbericht zu schreiben. Wissen Sie was Private Otis Hughes geschrieben hat?<<
>>Nein Sir.<<
>>Aber ich weiss es.<< Eine Ader in Townsends Schläfe trat hervor. >>Unzuverlässigkeit, fehlende Motivation, Alkoholexsesse, Insubordination, Unterschlagung von Wehrmaterial, wohlwissende Gefährdung der Zivilbevölkerung, Zerstörung und Zersetzung von öffentlichem Eigentum. Klingelt das was bei Ihnen Konnerly?<<
Ach die Geschichten. >>Ehrlich gesagt nicht Sir.<< Wer ehrliche Fragen stellt bekommt ehrliche Antworten. Ob er sie hören will oder nicht.
Townsends Gesichtsfarbe veränderte sich in ein ungesundes rot, die Ader in seiner Schläfe trat stärker hervor.
Er schlug die Akte vor sich auf und las all die Schandtaten vor die ich und Otis zusammen begangen hatten. Angefangen bei den morgendlichen Bieren zum Frühstück über die Spiele die wir in unserer Freizeit gespielt hatten bis hin zu all den Gelegenheiten in denen ich Townsend einen Zitat >>machtgeilen Giftzwerg der nur so schreit weil man seine Kleinkinderstimme sonst nicht hört wenn in der Nähe ein Eichhörnchen hustet<< nannte. Otis, diese verdammte Schlange, hatte mich an Messer geliefert. Natürlich hatte ich ihn zu alledem nur angestiftet weil ich eben ein subversives Element bin und er das leicht zu beeinflussende Opfer das nur an unseren Spielen teilnahm um seinen Bericht schreiben zu können. Ich musste nicht lange nachdenken um zu wissen weshalb er mich von New York nach Los Angeles an einer Kette durch die Jauche zog. Die Retourkutsche dafür das ich ihm bei Nikki im Weg gestanden hatte. Die Möglichkeit das sie ihn selbst dann nicht rangelassen hätte wenn ich nicht da gewesen wäre, war ihm anscheinend nicht in den Sinn gekommen. Eines muss man ihm lassen, Selbstvertrauen hatte er. Die Betonung liegt auf HATTE.
Townsend hielt einen seiner Monologe in einer Lautstärkeke mit der er ein Footballstadion hätte beschallen können. Auch die billigen Plätze mit eingeschränkter Sicht. Zehn Minuten gingen ins Land, Townsend war gut drauf. 20 Minuten vergingen und der Leutenant holte alles aus sich heraus. Nach einer ungelogenen halben Stunde verstummte er von einer Sekunde auf die Andere. Ich hatte schon die Befürchtung er hätte sich vor Wut die Hose verunreinigt. Er war blass und schweißgebadet, in seinen Mundwinkeln bildeten sich kleine Sabberfäden die über sein Kinn auf meine Akte tropften. Er sah mich an, packte sich ans Herz und hechelte wie ein Ertrinkender. Ich hatte es geschafft ihn so in Rage zu versetzen das er, mit gerade einmal 39 Jahren und bei bester körperlicher Verfassung, einen Herzinfarkt bekam. Townsend kippte vom Stuhl auf den Boden und versuchte mit der letzten verbliebenden Kraft das Telefon zu erreichen. Ich nahm mir eine Tasse Kaffee und sah ihm beim Sterben zu. Einen erwachsenen Mann auf dem Boden nach Luft ringen zu sehen, in einer Pfütze seiner Pisse und seines Sabbers, war kein schöner Anblick... aber der Kaffee war weltklasse. Nicht diese schlappe geschmacklose Brühe aus der Kantine. Offiziere haben Anspruch auf die Meisterröstung. Es fehlten nurnoch ein paar Kekse zum eindippen. Schließlich, nach etwas mehr als vier Minuten, hatte er seinen Posten dann geräumt.
Ich trank meine Tasse aus, ging an seinen Schreibtisch und suchte nach vorgedruckten Verträgen um meinem Land weitere vier Jahre dienen zu können. Irgendwo wo es schön war, Ohio hing mir zum Hals raus. Ohio ist wie der November. Ereignisslos. Öde. Und sieht dazu noch beschissen aus. Also verlängerte ich meinen Vertrag und versetzte mich kurzerhand auf einen "Sonderposten" nach Hawaii, außerdem erhöhte ich gleich noch meine Soldgruppe, übernahm drei Wochen Urlaub (der mir überhaupt nicht zustand) in die neue Einheit und beförderte mich zum Unteroffizier. Wozu andere Jahre brauchen, schaffte ich in nicht ganz einer Viertelstunde. So macht man Karriere.
Als die Tinte auf dem Papier getrocknet und Townsends Unterschrift überzeugend gefälscht war. Riss ich die Tür auf und brüllte nach einem Sanitäter der nurnoch den Tod feststellen konnte. Ein krasser Fall von BurnOut.

26.11.11 00:30

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