37: Der Auftrag

Francis war enttäuscht. In seiner Erinnerung sah der kleine Söldner martialischer aus. Jetzt, ohne Schutzweste und Sturmgewehr, wie er auf der mit weinrotem Samt bezogenen Sofa der Hotellobby sah und eine Ausgabe des National Geographic las, war Konnerly nichts anderes als ein Halbstarker in Cargohosen und ausgewaschenem T-Shirt. Zum ersten mal zweifelte der Doktor daran das dieses minderwerte Exemplar einen brauchbaren Rohstoff für seine Werke liefern würde. Francis schüttelte den Gedanken ab, wozu hatte er sich sonst selbst gequält um dieses abscheuliche Angebot zu schreiben? Um einen abscheulichen Menschen zu locken. Um einen Schandfleck in etwas Nützliches zu verwandeln. Es würde so einfach werden. Fast schon zu einfach.
Francis durchquerte die helle, mit italienischem Marmor verkleidete Lobby und ließ sich auf einem Sessel gegenüber des weinroten Sofas nieder. Auf dem Cover des National Geographic starrte Josef Stalin auf eine rot ausgefüllte Karte der Sowietunion. The Beast in the East.
>>Wie ich sehe haben Sie mein Angebot erhalten.<< Sagte Francis.
Gerry hob seinen Blick von der Zeitschrift. >>Reden Sie mit mir?<< Fragte Konnerly.
>>Das tue ich.<< Francis beugte sich vor. >>Mein Name ist Nigel Mainard und ich glaube Sie sind an einem Auftrag interessiert. Mister Konnerly.<<
>>Sagen Sie mir was zu tun ist und ich sage Ihnen was sich machen lässt.<<
Doktor Francis überreichte Konnerly einen gewöhnlichen braunen Papierumschlag. >>Öffnen Sie ihn und sagen Sie mir was Sie denken.<<
Gerry riss den Umschlag auf und schüttelte sieben Farbfotos neben sich auf das Sofa.
>>Sehen Sie sich die Fotos an und sagen Sie mir was sie denken.<< Forderte Quentin ihn auf. Gerry nahm wahllos eines der Fotos. Abigail Thillsten, eines der gelungensten Werke des Doktor.
Fassungslos sah der Doktor den ungerührten Gesichtsausdruck des Söldners. Wieviel Zeit hatte Francis auf Abigail aufgewandt aus einer heruntergekommenen Hure ein Kunstwerk zu erschaffen. All die Stunden wertvoller Arbeit, all die Mühen und Anstrengungen. Vertan. Doch halt. Vielleicht war Konnerly einfach zu dumm um die Tragweite der Wandlung zu verstehen. Ja, das musste es sein. Das Werk überflog den niederen Verstand eines dummen, verkommenen Mietsoldaten. Aber hatte Francis erwartet einen gewohnheitsmässigen Mörder schockieren zu können? Denn genau das sollten seine Werke, schockieren. Um die Mauern der geistigen Finsterniss ein zu reissen verlangt es eher nach einer Abrissbirne denn eines Wattestäbchens. Doch wenn die Mauer ersteinmal eingerissen war, dann würde Francis die Welt der Kunst in eine neue Ära führen. Hinaus aus der Versenkung, hinein in die gloreichen Hallen der Wertschätzung eines jeden einzelnen Menschen auf der Welt.
>>Sieht aus wie ´ne Schaufensterpuppe die aus verschiedenen Puppen zusammen gesetzt ist. Nett arrangiert mit silbernem Lametta und Neonlichtröhren.<< Gerry packte das Foto weg. >>Wollen Sie das ich ihren Ausstatter verschwinden lasse?<<
Francis war sprachlos. Lametta? Neonlichtröhren? Schaufensterpuppe? Dieser unwissende Galgenvogel! Hatte dieser impertinente Trunkenbold jemals eine Schule besucht? Wie tief muss das Schwarz der Dummheit in diesem vernarben kahlen Kopf sein? Doktor Quentin spürte das seine Hände im Angesicht einer solch maßlosen Ignoranz zu zittern begannen.
>>Nein Mister Konnerly.<< Es kostete ihn unmenschliche Überwindung nicht die Fassung zu verlieren. Er musste die Maskerade aufrecht erhalten. Oh wie sehr er breits dem köstlichen Moment entgegensah sich diesem schießwütigem Schandfleck zu offenbaren.
>>Ich nehme an das jemand durch die Lande zieht um Menschen in nunja Kunstwerke zu verwandeln.<<
>>Mensche in Kunstwerke zu verwandeln?<< Fragte Gerry ungläubig. >>Verarschen Sie mich?<<
Quentin spürte wie sich seine Sicht trübte, nicht mehr lange und die unerträglichen Kopfschmerzen würden beginnen die ihn plagten wenn er bodenloser Idiotie gegenüberstand.
>>Keines Falls. Mister Konnerly ich will Sie keines Falls... auf den Arm nehmen.<<
>>Tja, ich schätze es gibt viele kaputte Typen auf der Welt aber was hat das alles mit mir zu tun?<<
Doktor Quentin Francis jubelte innerlich als hätte er allein den Super Bowl gewonnen. Der Söldner hatte angebissen. Jetzt galt es ihn an Land zu ziehen, auszuweiden und auszustellen. Welch passende Metapher.
>>Ich will das Sie denjenigen finden der das getan hat.<<
>>Wie tief soll ich ihn vergraben?<< Fragte Konnerly und zündete sich eine Zigarette an.
>>Nein nein nein.<< Francis schüttelte den unmenschlich dröhnenden Kopf. >>Ich will nicht das sie ihn töten. Ich möchte das sie ihn zu mir bringen.<<
Konnerly kratzte seinen Nacken. >>Ich bin Söldner und kein Profiler. Sollten das nicht die Bullen übernehmen?<<
>>Leider sehen sich die Damen und Herren der Sicherheitsbehörden ausser Stande diesem Tunichtgut auf die Schliche zu kommen. Dazu müssten sie sich ersteinmal von ihren gut gepolsterten Stühlen erheben und würden gefahrlaufen den Einsatzradius der Kaffeemaschine zu verlassen. Nun ich denke Sie, Mister Konnerly, sind jemand der sich vor Gefahr nicht scheut. Immerhin haben Sie den Ruf mit jeder Art von Problemen fertig zu werden. Jemanden zu finden und fest zu setzten sollte ein leichtes Spiel für Sie sein.<<
Gerry nickte grinsend. >>Ich werde tun was ich kann... aber ich sage es lieber gleich. Das wird nicht billig.<<
>>Geld spielt keine Rolle, meine Mittel sind quasi unbegrenzt.<< Außerdem würde Francis das Geld ohnehin wieder an sich nehmen sobald Konnerly ersteinmal mit Heißwachs überzogen im Attelier des Doktors trocknete.
>>300 Dollar für jede angefangene Woche. Montags, bar, im Vorraus. Der Preis ist nicht verhandelbar.<<
Quentin nickte stumm, griff in seine Tasche und reichte Konnerly drei 100- Dollar Scheine in einer teuren silbernen Geldklammer. >>Das dürfte ihre Anreisekosten decken.Außerdem habe ich ein Zimmer für Sie reserviert. Zimmer 45, scheuen Sie sich nicht den Zimmerservice zu rufen wenn Ihnen danach ist. Wie bereits erwähnt verfüge ich über ausreichende Finanzen.<<
Gerry steckte das Geld ein. Grünes Papier mit dem Portrait toter Präsidenten, wie sehr er es liebte.
>>Sie zahlen ich liefere. << Konnerly steckte das Geld ein. Gerade als er sich vom Sofa erhob fragte Quentin. >>Nur aus Interesse, Mister Konnerly, ist es jemals vorgekommen das jemand Sie nach einem Auftrag nicht bezahlt hat?<<
Gerry drehte sich um und sah Francis direkt in die Augen. >>Das ist tatsächlich schon passiert.<<
>>Und was haben Sie in diesem Fall unternommen?<<
>>Fragen Sie Earl Summers.<<

3.12.11 19:08

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