39: Zweite Meinung

Für jeden Menschen gibt es eine Grenze die festlegt was er bereit ist zu tun. Bei dem einen ist diese Grenze sehr hoch angelegt, selbst der Gedanke daran etwas unrechtes zu tun ist ihm zuwider. Es gibt aber auch Menschen die im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen, um ihre Ziele zu erreichen. Allerdings gibt es auch bei ihnen eine Hemmschwelle, den letzten Rest eines moralischen Gewissens. Um Gerrys moralische Grenze zu finden musste man schon sehr lange und sehr genau suchen damit man die dünne Linie nicht übersah. Es gab nur wenig das er nicht bereits getan, noch weniger das er nicht bereits gesehen und fast nichts das er nicht bereit war zu tun, solange der Preis stimmte. Geld, selbst in der Welt nach Tag X ein leidiges Thema. Im Gegensatz zu Gerry >>Gecko<< Konnerly gab es allerdings auch noch Menschen die nicht aus purer Profitgier ihrem Tun nachgingen. Einer dieser Menschen war Doktor Ibana Suarez, eine hochdekorierte ehemalige Militärärztin die trotz der grausamen Dinge die sie im Krieg gesehen hatte ihren Glauben an die Menschheit nicht aufgegeben hatte. Jeden Tag freute sie sich auf die Arbeit in der chronisch unterbesetzten Unfallklinik in der Stadt. Ibana liebte das Gefühl kranken Menschen helfen zu können. Am liebsten waren ihr die Tage an denen die Notaufnahme aus allen Nähten platzte, Tage an denen sie sich bis zur völligen Erschöpfung für ihre Patienten aufopfern konnte. Tage wie dieser.
>>Also Katelin.<< Ibanes wischte dem kleinen Mädchen, dessen Arm in einem frischen Gips steckte, eine Träne von der Wange. >>In den nächsten Wochen kein Sport und keine Schwimmbadbesuche. Wenn du wiederkommst nehmen wir dir den Gips wieder ab und dann sehen wir ob dein Arm wieder in einem Stück ist.<<
Katelin lächelte tapfer, nickte und würde ihren Daddy bitten den blöden Baum im Garten zu fällen von dem sie gefallen war.
>>Danke Doktor Ibana.<<
>>Das ist doch mein Job Katelin.<<
Ibana begleitete ihre kleine Patientin bis in den Warteraum auf dem kranke Menschen darauf warteten von Suarez behandelt zu werden.
>>Wer ist der Nächste?<< Fragte Ibana Carol, die ergraute Sprechstundenhilfe. >>Mister Shulz.<<
>>Oh je.<< Suarez schüttelte halb stöhnend halb hauchend den Kopf. Mister Alfons Shulz hatte die letzten 93 Lebensjahre damit verbracht die Schulmedizin vor etliche Rätzel zu stellen. Er rauchte seit 80 Jahren drei Päckchen filterlose Zigaretten am Tag, aß ausschließlich rotes Fleisch und trank, seit seiner Pensionierung, bereits morgens Brandy. Trotz dieser Misshandlung seiner selbst sah er aus wie 65, war auf den geistigen Stand eines 45jährigen und fühlte sich wie 25.
>>Also Mister Shulz.<< Ibana zeigte auf den freien Stuhl neben ihrem Schreibtisch. >>Wo drückt der Schuh.<<
Alfons nahm Platz und lächelte ein gütiges Altmännerlächeln. >>Doktor, der Grund der mich zu Ihnen führt ist etwas... wie soll ich sagen... delikat.<<
>>Nichts menschliches ist mir fremd Mister Shulz. Mir können Sie es sagen.<<
Alfons errötete und sah auf seine Füße. Er rang eine Weile mit sich, fasst sich aber dann ein Herz.
>>Es geht um meinen...meinen... Sie können sich denken was ich meine.<<
Ibana konnte sich trotz aller Professionalität ein neckisches Schmunzeln nicht verkneifen.
>>Aha.<< Nickte Suarez. >>Es ist also nicht der Schuh der drückt.<<
>>So ist es.<< Alfons hüstelte in seine Faust. >>Ich bin seit 70 Jahren mit meiner Frau verheiratet und ich liebe sie immernoch wie am ersten Tag. Wir haben schwere Zeiten zusammen überstanden und für mich geht die Sonne mit ihr auf und wieder unter.<< Shulz warf einen hastigen Blick über die Schulter um sich zu vergewissern das die Bürotür geschlossen war.
>>Seit einer Weile... wissen Sie... gibt es ein paar Probleme. Im Schlafzimmer.<<
>>Sprechen Sie ruhig weiter Alfons.<<
>>Nun, seit ein paar Monaten kann ich nicht mehr so... so oft wie früher.<<
Ibana war erstaunt. >>Sie haben immernoch Sex?<<
>>Wir lieben uns.<< Alfons sah aus dem Fenster. >>Allerdings schaffe ich es nurnoch zweimal...<<
>>Zweimal im Monat ist vollkommen in Ordnung, es wundert mich das Sie es überhaupt noch schaffen.<<
Alfons sah Ibana verwundert an. >>Doktor Suarez, ich spreche hier von zweimal in der Nacht.<<
Es gab viel das Ibana durch den Kopf ging, aber alles was sie dazu sagte war. >>Respekt.<<
>>Wo liegt dann das Problem?<< Fragte Sie nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte.
>>Das Problem ist das...<<
>>Hey Moment mal!<< Hallte Carols Stimme ins Büro. >>Sie können nicht einfach da reinspazieren.<<
Die Tür wurde aufgerissen, Konnerly betrat das Büro und warf die Tür hinter sich so hart zu das das Foto auf Ibanas Schreibtisch umfiel.
Ibana und Alfons sahen sich kurz an. Suarez schnaubte wütend und erhob sich von ihrem Stuhl.
>>Was fällt Ihnen eigentlich ein so einfach in mein Büro zu marschieren?<<
>>Hätte ich einen Termin machen sollen?<< Fragte Gerry.
>>Auf jeden Fall sollten Sie sich ins Wartezimmer setzen und warten bis man Sie aufruft!<<
>>Ich bin nicht hier um mich behandeln zu lassen.<<
>>Junger Mann.<< Alfons erhob sich. >>Im Gegensatz zu Ihnen bin ich hier um mich behandeln zu lassen.<<
>>Meinen Sie das sich das noch lohnt?<< Fragte Konnerly. >>Raus hier.<<
Ibana sah Alfons an. >>Warten Sie bitte draussen Mister Shulz. Sagen Sie Carol das sie die Polizei rufen soll.<<
Shulz richtete seinen Hemdkragen und schritt stolz aus dem Büro. Er hielt kurz inne und warf Gerry seinen missbilligenden Blick zu.
>>Zu meiner Zeit wussten die jungen Leute noch wie man sich Erwachsenen gegenüber benimmt.<<
>>Zu Ihrer Zeit gab es nur zwei Erwachsene.<< Antwortete Konnerly. Beleidigt und gekränkt verließ Alfons das Büro. Wutschnaubend sah Ibana Gerry an.
>>Was zum Kranich wollen Sie das sie so in mein Büro einfallen?<<
>>Plan A, Sie sehen sich fünf Minuten meine Fotos an und sagen mir was Sie wissen. Plan B, Sie quietschen mich weiter voll und müssen die nächsten drei Wochen die Gehirne Ihrer Patienten von der Zimmerdecke kratzen. Sie wählen.<<
Ibana war geradezu schockiert, hatte jedoch keinen Zweifel daran das Plan B für diesen Kerl wirklich existierte.
>>Zeigen Sie mir Ihre blöden Fotos.<< Fauchte Suarez. Konnerly warf ihr den Briefumschlag, den sein Auftraggeber ihm gegeben hatte, auf den Schreibtisch. Sie sah sich die Fotos an, runzelte bei jedem Bild die Stirn und schüttelte angewidert den Kopf. >>Was soll ich Ihnen dazu sagen? Suchen Sie sich einen Psychologen oder andere Hobbies Sie krankes Schwein.<<
>>Erstens sind diese Bilder nicht von mir, und zweitens sollten Sie ihr Schandmaul im Zaum halten sonst steckt gleich ein Fuß darin.<<
>>Und wozu zeigen Sie mir diesen Mist dann?<<
>>Weil ich wissen will ob es gesund ist sich darauf einen runterzuholen.<< Grunzte Konnerly.
>> Ich will wissen wer zu solchen Schnitten fähig ist. Was können Sie mir über die Schnitte sagen? Wer hat diese Leute so zugerichtet?<<
Ibana nahm eine Lupe aus der Schublade unter dem Stapel mit den Krankenscheinen. Dieser Kerl hatte es geschafft innerhalb einer Minute den ersten Platz auf Ibanas Leutedieichnienieniewiedersehenwill-Liste zu besetzen.
Sie sah sich diese schrecklichen Bilder noch einmal genauer an. Furchtbar zu was manche Leute fähig sind.

20.12.11 16:25

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