41: Der Hasstank

Stellen wir uns den menschlichen Körper wie eine Maschine vor. Das Herz ist die Hauptpumpe, das Gehirn die Steuereinheit, Venen und Aterien transportieren das notwendige Öl und der Magen dient als Treibstofftank. Wenn auch nur eines dieser Teile fehlt läuft die Menschmaschine nicht, der Mensch stirbt, die Maschine fällt aus. Zusätzlich zu Herzpumpe, Lungenlüftung, Gehirnsteuerung und Magenkanister bekommt jeder Mensch einen zusätzlichen Tank der einzig und allein eine Aufgabe hat. Bei Menschen die in einer funktionierenden Familie oder einer glücklichen Beziehung leben dient dieser Tank dazu Zuneigung (man kann es auch Liebe nennen) zu an seine Mitmenschen ab zu geben oder auf zu nehmen. Der Pegel steigt sobald man Zuneigung bekommt, der Pegel fällt wenn man Zuneigung gibt. Soweit, so verständlich. Der Haken an diesem Tank ist allerdings der, das der Tank, wenn er nicht gefüllt wird, eine andere Funktion einnimmt. Er füllt sich mit dem angestauten Neid, der Frustration, der erlebten Zurückweisung und all den negativen Erfahrungen die eine menschliche Seele belasten. So wird aus dem Zuneigungstank der Hasstank. Ein mit Leitungen und Ventilen versehener Kanister, randvoll mit einer klebrigen, schwarzen, extrem entflammbaren Flüssigkeit. Konzentriertem, reinen Hass.
Nach einer Weile, wenn der Tank bereits bis zum Bersten gefüllt ist, beginnt die Flüssigkeit zu kochen und zu brodeln. Ist die Belastungsgrenze erreicht, explodiert erst der Tank, und anschließend der Mensch.

Für gewöhnlich ließ Gerry seinen kochenden Hass ab wenn er sich im Einsatz am Feind austobte. Wenn er Knochen brechen, Gegner töten, Sachen in die Luft jagen und Feuer legen konnte. War kein Feind in der Nähe musste er den Tank irgendwie kühlen bevor er in die Luft flog und Unbeteiligte zu Schaden kamen. Niemand heuerte einen Söldner an der sich nicht unter Kontrolle hatte. Alkohol hatte sich als ideales Kühlmittel erwiesen. An normalen Tagen, wenn nur wenig Kühlung nötig war, reichte Bier. Doch seit er die Tür seines Hotelzimmers hinter sich abgeschlossen hatte spürte er es in sich rumoren. Mit jedem Herzschlag näherte sich der Hasstank dem Siedepunkt.
Das Seelenleben eines erwachsenen Mannes der unzählige male getötet hatte, in den tausende Dollar für militärisches Training investiert worden waren, der furchtbare Dinge gesehen und getan hatte ohne sich schlecht zu fühlen, war von einem kitschigen roten Papierstern im Wert von einem Cent erschüttert worden.
Er kippte die bernsteinfarbene Pfütze am Boden seines Whiskyglases hinunter. Eine schlechte Wahl wie er jetzt, nach einem Viertel der Flasche Tullamond Dew feststellte. Whisky erinnerte ihn an Nadine und Nikki. Allerdings gab es kaum eine Spirituose die ihn nicht an etwas schlechtes erinnerte. Allerhöchstens Ouzo. Allerdings braucht es keine schlechten Erinnerungen um Ouzo zum Kotzen zu finden.
An Tagen wie diesen war es das Beste sich der Welt zu entziehen, die Waffen möglichst weit unter dem Doppelbett zu verstauen und sich mit Mister Al Cohol zu unterhalten bis man seine Toilette umarmte und lautstark nach KUUUUUUUURT rief.
Eine Augenblick lang überlegte er im Büro an zu rufen. Aber wozu? Selbst Konnerly konnte sich nur um einen Job nach dem anderen kümmern.
Lustlos zappte er durch das Fernsehprogramm ohne etwas zu suchen und ohne etwas zu finden. Er spürte den Hasstank in sich brodeln, kippte einen Whisky und zog die Beretta aus dem Halfter unter seiner Schulter. Modell 93 R, 9mm Automatik, Made in Italy. Wieviele Leben hatte er damit ausgelöst. 50? 60? Mehr? Söhne, Brüder, Väter, Töchter, Schwestern, Mütter. Menschen mit Familie. Menschen die von irgendwem irgendwo vermisst wurden. Würde jemand Gerry vermissen wenn er sich jetzt in den Kopf schoss? Meagen müsste sich einen neuen Arbeitsplatz suchen. Dishka einen neuen Vollstrecker. In spätestens sechs, möglicherweise sieben, Wochen hätten sie Konnerly ersetzt und vergessen. Gerry wusste das niemand jemals nach ihm suchen würde. Also was soll´s? Als Söldner gehörte es zum Berufsrisko getötet zu werden. Schließlich war es genau das was auch Konnerly tat. Töten oder getötet werden. Niemand steht morgens mit der Gewissheit auf den Abend nicht mehr zu erleben.Von den Insassen der Todeszellen einmal abgesehen. Das letzte Frühstück, der letzte Kuss bevor man die Haustür verlässt, das letzte mal das Lieblingslied im Radio. Erlebnisse, Erinnerungen, Pläne. Alles was man war, was man ist, was man sein will kann in einem Sekundenbruchteil an Bedeutung verlieren. Egal ob man einen tragischen Unfall hat, seinem Sein selbst ein Ende setzt oder von einem Anderen ins Nirvana befördert wird. Am Ende bleibt von einem Menschen nicht mehr übrig als mehr oder minder betrauertes verrotendes Fleisch oder ein Häuflein Asche.
Gerrys Gedanken kreisten um Nikki, Stepahny und Nadine. Was sie wohl gerade machten?
Nikki hatte zweifellos Karriere gemacht, vielleicht sogar die Firma ihres Vaters übernommen und die letzten... wie lange war es jetzt her... acht Jahre damit zugebracht den Namen ihrer Familie rein zu waschen. Oder sie war bereits verheiratet und Mutter. Möglicherweise wurde sie jeden Morgen von trippelnden kleinen Kinderfüßen geweckt. Kinderfüße die sich weigerten in die Schule zu gehen, ihren Frühstückstoast auf zu essen, ihre Spielsachen auf zu räumen. Verbrachte sie ihre Tage hinter einem Schreibtisch oder an einer Wiege? Gerry kippte ein Glas Whisky.
Was war aus Stephany geworden? Ging sie noch zu den Vioballspielen die sie immer so gern gesehen hatte? Hatte sie endlich einen passenden Job gefunden? Ging es ihr gut oder ging es ihr dreckig? Verziehen hatte sie Konnerly wohl immernoch nicht. Und selbst wenn, hätte sie sich bei ihm gemeldet? Unwahrscheinlich. Nicht nach dem Ausdruck ihrer Augen. Nicht nach dem Schrecken und der Enttäuschung die Gerry ihr angetan hatte. Ob glücklich oder nicht, es war Fakt das sie sich nie wieder mit Konnerly abgeben würde.
Last but no least Nadine. Gerry kühlte den berstenden Hasstank in seinem Innern mit einem weiteren Glas Tullamond Dew. Konnerly fragte sich ob es an ihm lag. Ob ein Teil seines Gehirns falsch verdrahtet war, der Teil der ihn dazu trieb sich selbst die Beine zu stellen. Wand Nadine sich gerade unter diesem drahtigen alten Literaten? Gerry war ohnehin nicht gebildet genug um ihrem Anspruch zu genügen. Er war ein guter Killer und Söldner. Kaltblütig und skrupellos. Aber Nadine wollte niemanden der auf Kommando tötet ohne Fragen zu stellen. Sie wollte jemanden der sich mit den wohlklingenden Worten längst toter Schriftstellern auskannte. Jemanden mit dem sie tiefgreifende Gespräche über Literatur und Geschichte führen konnte. Und sojemanden hatte sie gefunden. Schön für Nadine, schlecht für Gerry, Hass für den Tank.
Und nun lag Konnerly, allein und betrunken, auf seinem viel zu großen, viel zu leeren Bett und zielte mit seiner Pistole auf den blassen Nachrichtensprecher im Fernseher. Sein Daumen legte die Sicherung der Beretta um, der sichere weiße Punkt auf dem Verschluss wich dem scharfen Roten. Gerry benutzte beide Hände, zielte auf den Kopf des Mannes der neutral und monoton die aktuellen Meldungen vom Teleprompter ablas. Konnerly zog den Abzug langsam über den ersten Widerstand hinaus auf den Zweiten. Millimeter um Millimeter erkämpfte sich Gerrys Zeigefinger seinen Weg zur Handfläche... noch ein bisschen mehr... noch ein bisschen mehr...klick.
>>Glück gehabt Mister Anchorman.<< Grinste Gerry den Nachrichtensprecher an.
>>Nächstes mal ist das Ding geladen.<<

30.12.11 19:23

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