47: Field Agent Testa

Gerry blieb noch lange in diesem Diner sitzen und sah sich wieder und wieder die Fotos an die Mainard ihm gegeben hatte. Konnerly hatte bereits Leute aufgespürt die untergetaucht waren. Leute die der Mafia Geld geschuldet hatten. Für gewöhnlich gab es Anhaltspunkte an denen er ansetzen konnte um zu finden wer nicht gefunden werden wollte. Aber dieses mal gab es nichts. Gerry musste bei Null anfangen.
Wieder sah er sich die Bilder an und konzentrierte sich auf die Hintergründe. Lagerhallen und Keller. Wenn dieser Kerl wirklich Menschen in Stillleben verarbeitete brauchte er einen Platz an dem er ungestört war und niemand die Schreie der Opfer hören konnte. Nicht viel worauf man aufbauen konnte, aber der einzige Hinweis den es gab. Dieser Typ schien keinem erkennbaren Muster zu folgen. Männer und Frauen jeder Hautfarbe, jeden Alters und jeden Körperbaus. Ein Cross-Killer.
Auch wenn es an den Haaren herbeigezogen war, Gerry beschloss sich mit den Personen zu beschäftigen die diesem Irren zum Opfer gefallen waren. Konnerly zahlte sein Frühstück, stieg in seinen Wagen und fuhr zur örtlichen Polizeiwache. Gerry warf einen Blick auf die Uhr im Amaturenbrett des Suburban. 8Uhr 20. Früh am Morgen war es leichter den >Field Agent< durchzuziehen. Eine Taktik die ein erhebliches Maß an Dreistigkeit und Selbstvertrauen erforderte.
Und ein wenig schauspielerisches Talent.
Konnerly tauschte sein Schulterhalfter gegen ein Plastikhalfter das er an einem Clip an seinem Gürtel über seiner Niere rug und tauschte seine geliebte Beretta 93R gegen die von ihm verhasste Glock 17, die vorgeschriebene Waffe der Agenten im Außendienst, aus der Metallkiste im Kofferraum. Als letztes Detail band er sich eine dunkelblaue Krawatte um den Hals mit der er seinen letzten unfreiwilligen Fahrgast geknebelt hatte. Die Speichelflecken hoben sich deutlich von der billigen, fusseligen Baumwolle. Gerry hatte den >Field Agent< bereits ein paar mal aus dem Hut gezaubert und wusste das es auf das Tempo ankam die Sache durchzuziehen. Rein, raus, fertig. Keine unnötigen Spielereien, so verlockend sie auch waren.
Konnerly ging über die Straße, marschierte Zielgerichtet die sieben Stufen der Treppe hinauf und schob die verglaste Tür der Polizeiwache auf. Das hecktische Klicken der Schreibmaschinen und das schrille Klingeln der altmodischen Wählscheibentelefone mischte sich mit dem typischen Geruch eines Polizeireviers nach Kaffee, Schweiß und chemisch gewaschenen Uniformen.
Er sah an die schwarze Plastiktafel an der in schrägen weißen Steckbuchstaben die Namen der jeweiligen Bereichsleider standen. Wichtige Details um sich nicht an den entscheidenden Punkten zu verraten.
>>Chief Inspector Calvin Hall. Detective John Eversmann im zweiten Stock. Officer Warren Lorne in der Aservatenkammer.<<
Ein paar fleißige Polizisten hoben kurz den Blick als sich Gerry einen Kaffee aus dem Automaten neben der Tür zur Herrentoilette holte und eine Zigarette am Aschenbecher neben dem Automaten rauchte. Der Trick dabei war es so auszusehen als gehöre man dazu. Als würde man jeden Tag in ein Polizeirevier gehen um dort Kaffee zu trinken und einfach seinen Job erledigen.
Als der Becher leer und der Zigarettenfilter im Aschenbecher ausgedrückt war ging Konnerly die breiten Treppen in den zweiten Stock hinauf und suchte die Namen an den Türen ab. Hinter den verschlossenen Türen tippten geschäftige Finger auf klackernden Schreibmaschinen.
Das Büro von J. Eversmann lag ungünstig am Ende eines langen Flures zwischen einem Warteraum und der Abstellkammer des Hausmeisters.
Eine einfache, billige Sperrholztür mit einem trüben Milchglasfenster und abgegriffenen matten Klinken.
Gerry war angespannt aber ruhig. Nervosität führte dazu das man wichtige Details vergaß oder Namen durcheinander warf.
Gerry klopfte zweimal kurz und heftig gegen die Tür und betrat das Büro ohne auf eine Antwort zu warten. Arroganz war ein nicht von der Hand zu weisender Charakterzug aller Field Agents die Konnerly bereits getroffen hatte, und das waren weit mehr als ihm lieb war.
Als erstes fielen ihm die heillos und ohne erkennbares Muster aufeinander gestapelten Akten auf dem Schreibtisch ins Auge. So hoch und breit das man den Officer dahinter kaum erkennen konnte, aus manchen Akten hingen bereits einige einzelne Blätter, andere wurden von dicken Gummibändern zusammengehalten.
>>Guten Morgen.<< Sagte Gerry und erschrak als der Officer von seinem Sthul aufstand. John war ein ungewöhnlicher Name für eine Frau.
Sie sah müde aus. Ihr blonder Zopf begann bereits seine Form zu verlieren, unter ihren Augen, die sie nur mit Mühe offen halten konnte, zeichneten sich dunke Ränder, auf dem letzten freien ihres Schreibtisches klebten schwarze Kaffeeflecken. Sie sah aus als wolle sie jeden Moment aus den Schuhen kippen um auf dem Boden ihres Büros ein langes Nickerchen zu machen. Trotzdem war sie attraktiv, etwa mitte Zwanzig, kleiner als Konnerly und rechts sportlich für einen Schreibtischjob. Außerdem war sie hoffnungslos übermüdet und dem Anscheinnach erst kurz von der Akademie in den Dienst gekommen. Perfekte Vorraussetzungen.
>>Agent Brand Testa.<< Stellte sich Konnerly vor. >>Federal Bureau of Investigation.<<
>>Officer Eversmann.<< Sie hob müde die Hand. >>Nennen Sie mich Joan.<< Sie schüttelten einander die Hände.
>>Ich dachte mir schon das sie zu feminin wirken um ein John zu sein.<<
Joan blinzelte länger als gewöhnlich und seufzte entnervt. Herrgott sie war zu müde um sich jetzt auchnoch damit zu befassen.
>>Ein blöder Witz der Kollegen.<< Murrte sie und streckte ihre Arme. >>Mindestens dreimal in der Wochen tauschen sie die Steckbuchstaben an der Wand aus und machen so aus Joan John.<<
>>Ein echter Brüller.<< Nickte Konnerly und drehte seinen verspannten Nacken um den Anschein zu erwecken ebenfalls übermüdet zu sein.
>>Oh ja. Die finden das unglaublich komisch.<< Joan rieb sich die Augen. >>Was kann ich für Sie tun Agent Testa?<<
Gerry hielt sich an einen Trick den er in der Zeit der selektiven Exekutionen gelernt hatte um Zielobjekte aufzuspüren. Bleib so nahe wie möglich an der Wahrheit ohne dich sebst zu verraten. Wenn man sich komplizierte Geschichten ausdachte erhöhte man damit das Risiko unglaubwürdig zu sein.
>>Sie leiten die Stelle für vermisste Personen?<< Fragte er.
>>Ich versuche es.<< Joan schüttelte den Kopf. >>Aber Sie sehen ja wie es hier aussieht. Und gestern kam noch der Chief Inspector auf die gloreiche Idee mich die Fälle eines Kollegen übernehmen zu lassen der die nächsten drei Monate krankgeschrieben ist weil er sich auf dem Schießstand eine Kugel durch den Fuß gejagd hat.<<
>>Wie hat er das denn geschafft?<<
>>Eine sehr gute Frage.<< Officer Eversmann legte den Kopf auf den Schreibtisch. >>Wie kann ich ihnen helfen?<<
>>Ich fürchte indem Sie noch etwas mehr Arbeit bekommen. Ich brauche Einsicht in die Vermisstenkartei.<<
Joan hob den Kopf. >>Seit wann beschäftigt sich das amerikanische FBI mit verschwundenen Kanadiern?<<
>>Wir haben einen Cross Killer im Bundesstaat Washington und ein paar seiner Opfer tauchen nicht in unseren Karteien auf. Deswegen hat man mich hierher geschickt, um zu sehen ob wir ein paar Gesichter zu den Leichen zuordnen können.<<
Officer Eversmann hob mit geschlossenen Augen die Hand und zeigte mit dem Finger auf einen Schlüssel der an einem Haken neber der Tür hing.
>>Das Büro gleich gegenüber. Der Kopierer braucht etwas Zeit um warm zu werden.<<
Gerry nahm den Schlüssel an sich.
>>Agent Testa?<< Fragte Joan.
>>Ja Officer?<<
>>Wecken Sie mich wenn Sie fertig sind?<<
>>Natürlich Joan.<<
Officer Eversmann schob ihren Arm unter ihren Kopf, schloss die müden Augen und schlief ein.
Konnerly hoffte das sie nicht auf die Idee kam ihn nach seinem FBI-Ausweis zu fragen.
Er würde sie nur ungern töten.

16.3.12 12:04

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