48: Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten

Gerry verglich die Fotos der Vermisstenakten aus dem Polizeirevier mit den Fotos aus dem Briefumschlag den Mainard ihm gegeben hatte. Sein Magen brannte von starkem Kaffee und obwohl ihn die unerträgliche innere Unruhe eines Koffeinschocks schüttelte, fiel es ihm zunehmend schwerer seine Augen offen zu halten. Er wusste das sein zentrales Nervensystem verrücktspielte wenn er jetzt eine Warhammer einwarf. Warhammer und Koffein vertrugen sich weitaus schlechter als Warhammer und Alkohol. Und selbst das war eine unheilige Allianz.
Konnerly betrachtete die Landkarte Kanadas und kreiste die Orte, an denen die Vermissten vom Erdboden verschwunden waren mit rotem Filzstift ein. Es gab kein erkennbares Muster. Normalerweise zogen Serienkiller ihre blutige Spur von einem Ende des Landes bis zum anderen oder suchen sich Opfer im Umkreis zu ihrem Wohnort. Von 52 Vermissten hatten es bedauernswerte vier geschafft als mieserabel zusammengeschusterte Statuen zu enden. Ein reichlich beschissenes Ende... wenn es soetwas wie ein gutes Ende überhaupt gab.
Doch hier gab es kein Muster, weder bei den Orten noch bei den Opfern. Dieser Kerl tauchte auf, schlug zu und verschwand wieder nur um irgendwo nach ein paar Wochen oder Monaten wieder aufzutauchen und zuzuschlagen.
>>Scheisse.<< Dachte Gerry und trank seine Tasse leer. >>Hätte ich gewusst das ich mich mal mit solchen Arschlöchern rumschlagen muss wäre ich Postbote geworden.<<
Gerade als er seine letzte Zigarette der Packung angezündet hatte klingelte das Telefon auf dem Nachttisch neben dem Bett.
>>Robby Rolands Road Kill Cafe. You kill it, we grill it.<<
>>Deine Witze waren auch schon besser Gerry.<< Meagen gähnte gut hörbar.
>>Oh Meg. Was gibt´s?<<
>>Zwei Sachen. Was willst du zuerst die gute Nachricht oder die schlechte Nachricht?<<
Gerry sah an die Zimmerdecke, nickte anerkennend und zeigte Gott an den er nicht glaubte den Daumen. >>Der war gut.<<
>>Wie bitte?<< Fragte Meg.
>>Gib mir die schlechte Nachricht zuerst, danach kann es nrnoch besser werden.<<
Meagen atmete tief ein, hielt kurz die Luft an und überlegte wie sie ihrem Arbeitgeber wohl eine Nachricht übermitteln konnte ohne das er sich aufregte. Jedoch kam sie zu dem Schluss das, egal wie sie es sagte, Gerrys Rest des Tages versaut sein würde.
>>Erinnerst du dich an Chelsea DeLaure?<<
>>War das nicht die mit dem Stalker im Nacken?<<
>>Genau die meine ich. Sie ist tot.<<
>>Tot?<< Fragte Gerry und ließ sich auf die Bettkante fallen.
>>Ich fürchte ja. Der Kerl hat sie gestern Abend nach der Arbeit abgefangen und erstochen.<<
>>Erstochen?<<
>>Ja. Er muss ihr aufgelauert haben. Hat sie elfmal mit einem Küchenmesser getroffen.<<
>>Aufgelauert?<<
>>Gerry du solltest nicht alles mit einer Frage beantworten. Das wirkt dumm.<<
>>Dumm?<<
Einen Moment lang herrschte Stille. Gerry sah auf den Boden. Langsam nickte er.
>>Ich dachte nur du solltest es wissen. Tut mir leid.<<
>>Okay Meagen. Ruf Dishka an, sie soll ein Team losschicken das sich diesen Kerl schnappt und dann sollen sie ihn begraben.<<
>>Dishka anrufen, Kerl schnappen, umlegen und begraben.<< Wiederholte Meagen pflichtbewusst.
>>Von umlegen habe ich nichts gesagt.<< Verbesserte Gerry. >>Nur vom begraben.<<
>>Wenn du es so haben willst.<<
>>Und was ist die gute Nachricht?<<
>>Heute Morgen hat jemand für dich angerufen. Warte ich hab den Zettel hier irgendwo... ah da ist er ... eine Nadine Braeburn. Sie möchte das du sie anrufst.<<
>>Nummer?<< Fragte Konnerly, etwas zu freudig.
>>Vorwahl von Boise und dann 555- 6427-22341. Ich weiss gar nicht was mich mehr wundert. Das du andere Frauen ausser mir und Dishka kennst oder das sie dich nicht für einen hasszerfressenen Kotzbrocken halten und wollen das du anrufst.<<
>>Meagen?<<
>>Ja Gerry?<<
>>Ich steh drauf wenn du ordinär wirst.<<

Gerry beendete das Gespräch und wählte die Nummer die Meagen an ihn weitergeleitet hatte.
Siebenmal klingelte das Telefon, achtmal, neunmal. Beim zehnten mal nahm Nadine den Hörer ab.
>>Ha... hallo?<< Ihre Stimme klang ängstlich. Genau wie an dem Morgen an dem Gerry sie aus dem Sinfull Inferno abgeholt hatte. Nein nicht ganz, dieses mal klang sie sogar noch ängstlicher.
>>Hi, hier ist Gerry. Du wolltest das ich anrufe.<<
>>Hallo Gerry.<< Ihre ohnehin dünne Stimme schrumpfte noch mehr zusammen. >>Ich hatte gehofft du würdest nicht anrufen.<<
>>Was ist los Nadine?<<
>>Hier ist jemand der mit dir reden will.<<
Nadine übergab den Hörer. Ihr schluchtzen klang leise und meilenweit weg.
>>Doktor Robert Levingston.<<
Gerrys Finger verkrampften sich um den Hörer in seiner Hand. KILL-KILL-KILL-KILL. Wieder blitzten die Worte vor Konnerlys innerem Auge auf.
>>Na dich brauche ich jetzt unbedingt...<< Murrte Gerry.
>>Ich wusste gar nicht das wir inzwischen per Du sind. Wir sollten doch eher den standesgemäßen Abstand wahren. Ich möchte das Sie mich Doktor Levingston nennen.<<
>>Fick dich Rob. Was willst du von mir?<<
>>Nun,<< Robert lächelte triumphierend. >>ich wollte Sie nur wissen lassen das ich die letzten zwölf Stunden damit zugebracht habe Ihre Bekannte zu schänden. Und zwar auf jede erdenkliche Art. Ich kann Ihnen sagen, sie ist richtig gut.<<
>>Arschloch wenn du Selbstmord begehen willst gibt es einfachere Methoden...<<
>>Aber aber Mister Konnerly.<< Robert lachte. >>Wir sind doch nicht etwa eifersüchtig?<<
>>WIR sind gewöhnheitsmäßiger Gewalttäter mit einem Wandschrank voller Waffen, einem ausgeprägten Alkoholproblem und einem Auto das es in sechs Stunden nach Boise schafft. Du solltest dir also die Frage stellen ob es gute Idee war dieses Gespräch zu führen.<<
>>Sie erheitern mich Mister Konnerly. Denken Sie wirklich das Sie mich auf diese Weise einschüchtern können? Ich weiss wer Sie sind. Sie sind ein Mörder der Frauen und Kinder umbringt.<<
>>Hin und wieder kommt das vor.<<
>>Aber wissen Sie was? All das ist bedeutungslos. Egal wieviele Waffen sie haben oder wieviele Menschen sie ermorden. Das ändert nichts an der Tatsache das ich, sobald der Hörer in meiner Hand wieder auf der Gabel liegt, diese bezaubernde junge Dame an meiner Seite genauso weiterschänden werde wie ich es die gesamte letzte Nacht getan habe.<<
>>Rob. Ich bin nächste Woche wieder in Boise. Was hälst du davon wenn du dann in mein Büro kommst und mir all diese netten Sachen ins Gesicht sagst? Es wäre doch viel befriedigender den Ausdruck in meinem Gesicht zu sehen wenn du mir von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehst.<<
>>Halten Sie mich wirklich für so dumm Mister Konnerly? Sie unterschätzen mich.<<
>>Nein Rob. Das siehst du falsch. DU unterschätzt MICH.<<
>>Leben Sie wohl, Mister Konnerly.<<
Die Leitung knackte und das Gespräch war beendet.
Dishka mochte sich um Chelseas Stalker kümmern, aber um persönliche Sachen kümmerte Gerry sich selbst.
Meagen hatte recht behalten. Gerrys Laune war, soweit das noch möglich war, tiefer gesunken.

9.4.12 15:18

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