49: Date the Beast

Das Date mit Nikki war für 20 Uhr angesetzt. Um 19 Uhr ging ich an der wartenden Schlange, die sich vor den Türstehern des Crossfire dicht an dicht drängte, vorbei und wäre auch fast ohne Probleme durch die Tür gekommen. Aber ein hühnenhafter Schrank von Kerl hielt mich am Arm fest. In seinem Ohr steckte ein Headset und in seiner freien Pranke hielt er ein Klemmbrett.
>>Nicht so schnell Kumpel.<< Grunzte er. >>Heute nur Stammgäste.<<
>>Ich bin verabredet.<< Sagte ich. Er kicherte kurze und stieß mich einen Schritt zurück.
>>Das sind sie alle.<<
Es passte mir gar nicht das dieser Affe mich mit seinen Pfoten angegrapscht hatte, aber ich wollte auch keinen Streit vom Zaun brechen.
>>Hör zu. Ich bin hier verabredet. Der Name ist Padit. Nikki Padit.<<
Der Schrank sah mich an, musterte mich und schüttelte den Kopf.
>>Ich kenne Nikki.<< Er tippte mit seinem Kugelschreiber auf das Klemmbrett. >>SIE steht auf der Liste. Und ich weiss das SIE einen anderen Typ bevorzugt. Also Kleiner. Netter Versuch, aber trotzdem kommst DU nur über MEINE Leiche hier rein. Jedenfalls nicht heute.<<
Ich überschlug das Angebot über seine Leiche ins Crossfire zu kommen. Aber wenn ich ihn jetzt umputzte würde eine Panik unter den Gästen ausbrechen, es würde zu einem Feuergefecht zwischen mir und den Securities kommen und die Bullen würden auftauchen. Die Vorstellung von der Polizei einkassiert, stundenlang verhört, ohne Ergebnisse laufengelassen, schließlich von Ray apokalyptisch zusammengeschissen zu werden und zu guter Letzt doch noch in der heruntergekommensten Klappsmühle des Landes zu landen waren keine erstrebenswerten Ziele.
Da ich nichts riskieren wollte, der Schrank aber offensichtlich die Grenzen seiner Kompetenz nicht kannte zog ich meinen Army-Ausweis aus der Tasche. Nach Name und Dienstgrad stand in dicken roten Lettern >EXECUTIVE SPECIALIST<. Dieser Ausweis war meine Rückversicherung falls bei einem Job etwas schief ging und die Polizei doch unverhoffter Weise auftauchte. Mit einem solchen Ausweis in der Tasche durfte man weder festgenommen, noch aufgehalten noch sonstwie belangt werden. Der Besitz dieses Ausweises ohne Angehörigkeit der Streitkräfte und das Fälschen dieser Ausweise stellten terroristische Akte dar und endeten im besten Fall mit 25 Jahren Zwangsarbeit.
Ich zeigte dem Türsteher meine vom Verteidigungsministerium ausgestellte >Du kommst aus dem Gefängnis frei< Karte. Er sah sie sich lange und eindringlich an, suchte nach einem Fehler der sie als Fälschung entlarvte und nickte, nachdem er sich davon überzeugt hatte das der Ausweis echt war, mit seinem Kopf. Ohne ein Wort zu sagen schob er mich durch den Eingang in den Club. Ich für meinen Teil nutzte lieber meine gedruckte Lizenz zum Scheissebauen als meine Neun Millimeter.
Ich war noch nie ein Fan von Clubs oder Diskotheken. Zu viele Menschen die einen anrempeln oder blöd von der Seite anmachen, zu teure Getränke die meistens noch gepanscht und schlecht gekühlt sind, dazu noch Musik die in voller Lautstärke auf einen eindröhnt wie ein Düsentriebwerk. Ausserdem spielen die meisten Clubs und Diskos diese Rap-R´N´B-Hip Hop- House- Electro- Pop-Dance- Scheisse. Meiner Meinung nach die Brechdurchfallerkrankungen der Musikindustrie. Na gut, meine Meinung zählt hier nicht, damals hörte ich fast ausschließlich Deathcore und HillBillyCountryRock.
Das Crossfire war ein dreigeschossiger Club. Unten Diskothek, in der Mitte Bar und im obersten Stockwerk gab es ein Restaurant.
Alles war in dunklen Violetttönen und sämtlichen Arten Schwarz gehalten. Matt, glänzend, mattglänzend und so weiter und so fort. Das Klientel des Crossfire setzte sich aus allen Subkategorien der "dunklen Szene" zusammen. Gothics in Ledermänteln und Korsetts, Wannabe-Satanisten mit angeschliffenen Eckzähnen und Implantaten aus Edelstahl und Hartplastik die sich für böse hielten weil sie auf Friedhöfen herumstreiften, Pentagramme um den Hals und auf T-Shirts trugen und hin und wieder das Blut streunender Katzen tranken. Ich kam mir in Jeans und Hemd vor wie Penner auf dem Opernball. Während Gothics im allgemeinen ganz verträgliche Typen mit etwas eigensinnigem Geschmäckern und Vorstellungen sind, verlief mein erstes Zusammentreffen mit Satanisten alles andere als verträglich. Aber das ist eine andere Geschichte. Wie dem auch sei, ich war im Crossfire ohne einen Schuss abzugeben und ohne stundenlang anzustehen. Erfolg auf ganzer Linie. Aus den Lautsprechern an den Wänden dröhnte etwas das ich als Melanlic bezeichnette. Lieder über Lust, Sehnsucht und das Leben als Außenseiter in einer Gesellschaft in der Dinge wie Tod, Verfall und Traurigkeit Tabus sind. Ach ja, wir leben in einer perfekten Werberealität in der niemand leidet und alle das bekommen was sie sich wünschen wenn sie nur fest genug daran glauben. Wir, die Generation aus Rockstarts und Selfmademillionären, die unabhängig von Herkunft und Glück mit beiden Händen aus den Vollen schöpfen können. Wenn man glaubt was einem die Werbung vormacht werden wir alle Frauenhelden weil wir das richtige Deo benutzen und wir werden das strahlenste Lächeln aller Zeiten haben weil wir unsere Zähne mit der richtigen Zahncreme putzen. Wir alle werden ausländische Sportwagen fahren, in Villen am Strand wohnen und Limonade in unerer Lieblingsgeschmacksrichtung pissen. Wahlweise still, medium oder spritzig.
Ich ging an die Bar holte mir ein Bier um meine Nervosität herunterzuspülen und sah alle fünf Sekunden auf die Uhr. Die Zeit wollte und wollte nicht vergehen.
Wenn man tut was ich zu der Zeit tat hat man immer ein Auge auf seiner Umgebung, ein Auge auf die Leute um einen herum und am besten noch ein Auge im Hinterkopf.
Mit meinem Bier stellte ich mich mit dem Rücken an die Wand der Disko und beobachtete die anderen Gäste aus dem Augenwinkel, immer wieder zog ich meinen Gürtel hoch um mich zu vergewissern das ich die Pit Bull nicht verloren hatte. Ich hatte aus der Sache im Falcon Education Center gelernt, und wenn man solange Waffen trägt wie ich, werden sie ein Teil der Garderobe. Wie eine Brieftasche oder der Schlüsselbund. Es ging soweit das ich in meinem Badezimmer ein M-16 neben der Kloschüssel stehen hatte. Geladen, gespannt und entsichert.
Langsam füllte sich das Crossfire, die ersten Kellnerinnen nahmen ihre Arbeit auf und verteilten blotrote Schnäpse in Reagenzgläsern an die Feierwütigen. Ich ließ die Finger davon, harter Alkohol und ich funktionierten recht gut miteinander wenn ich einen Job zu erledigen hatte, aber ich wollte Nikki nicht besoffen gegenüberstehen.
Nicht schon wieder.
Es wurde 20 Uhr. Keine Nikki. 20: 30. Keine Nikki. 21 Uhr. Immernoch keine Nikki. Ich dachte schon sie hätte mich etweder versetzt oder vergessen und wollte gerade gehen als mir jemand auf die Schulter tippte. Mit einer Hand am Griff der Pit Bull warf ich einen Blick über die Schulter und atmete erleichtert durch.
>>Ich hätte dir sagen sollen das ich das Restaurant gemeint hatte oder?<< Fragte Nikki. Sie trug ein rot-schwarzes Kleid das eine Handlänge über ihrem Knie endete und so tief eingeschnitten war das ich ihre Brüste als Halfter hätte nehmen können.
Ich nickte stumm.
>>Ich hoffe du hast noch nicht gegessen.<<
Ich schüttelte den Kopf. Nonverbale Komunikation at its best.
Wir fuhren mit dem kleinen versteckten Aufzug in die dritte Etage, das Restaurant, und suchten uns einen Tisch im hinteren Teil des Saals. Abseits der Hauptversorgungswege der Kellner und Kellnerinnen, dort wo die Musik nur gedämpft und unaufdringlich hinkam und blasses Dämmerlicht von schwarzen Kerzen schien. An den Wänden Kunstfotographien und signierte Skizzen von Szenegrößen deren Namen ich nicht kannte und inzwischen wieder vergessen habe. In Anbetracht der Lage und der Umgebung fühlte ich mich in meinen Klamotten unwohl. Russian-Night-Camo-Cargos und ein Fanshirt der Memphis Manhunters hätte viel besser gepasst. Blöd gelaufen.
Ich bestellte ein Bier, Nikki etwas das sich Devil´s Paintbrush nannte, im Wesentlichen aus Rotwein, Cola und Erdbeersirup bestand und das herliche Farbspiele ergab wenn man zuviel davon intus hatte und der Magen die Notbremse zog. Daher der Name.
>>Gefällt dir der Laden?<< Fragte sie und nippte an ihrem Getränk.
>>Doch schon. Etwas düster vielleicht, aber trotzdem nicht schlecht. Du bist öfter hier oder?<<
>>Wenn ich mich von meinen Pflichten als Vorzeigetochter irgendwie freimachen kann.<< Nikkis Finger glitten über den Rand ihres Glases. >>Meine Eltern würden mich ins Kloster stecken wenn sie wüssten das ich hier bin. Oder das ich solche Kleider habe.<<
>>Und wie umgehst du das sie es herausfinden?<< Das Licht der brennenden Kerze tanzte in meinem halbleeren Glas Heineken.
Nikki lächelte verschwörerisch. >>Durch ein dichtgewobenes Netz aus Gegeninformationene und treuergebener Unterstützer.<<
Ich verstand Bahnhof. Nikki merkte es und legte nach.
>>Meine Eltern denken das ich bei einer Freundin in der City. Falls sie dort anrufen um zu überprüfen das ich wirklich dort bin wird meine Freundin ihnen erzählen das wir zusammen in die Bibliothek in der Nähe des FEC gehen und ich bereits im Taxi warte. Für den Fall das das Telefon nochmal an diesem Abend klingelt lässt sie den Anrufbeantworter rangehen und wird den Leuten erzählen das wir bis zum frühen Morgen in der Bibliothek waren. Das Kleid<< Nikki stand auf und bot mir einen freien Blick auf den, eng an ihrem Körper liegenden, glänzenden Stoff. >>hängt in ihrem Schrank falls meine lieben Erzeuger au die Idee kommen etwas in meinem Schrank zu suchen das nicht da ist.<<
>>Clever.<< Ich nickte anerkennend und klatschte gesitteten Applaus. >>Klingt für mich wasserdicht. Deine Eltern scheinen schwere Brocken zu sein.<<
Nikki rollte mit den Augen und trank einen Schluck Baintbrush.
>>Wenn es nach ihnen ginge wüden sie mich im Geiste der 1950er Jahre erziehen. Als würde all das Geld auf unseren Konten mich dazu bewegen jeden Tag fünf Stunden Hausaufgaben zu machen, mich für wohltätige Zwecke einzusetzen,ein Instrument zu lernen, Leiterin der Cheerleadergruppe zu werden, mich von Jungs fernzuhalten, keinen Alkohol anzufassen und meine Hand am Kopfende meines Bettes festketten damit sie sich nachts nicht in meine Pyjamahose verirrt.<<
Ich lachte. Nikki war wirklich etwas Besonderes.
>>Was ist mit dir?<< Fragte Sie und sah dem Eiswürfel in ihrem Drink dabei zu wie er sich auflöste. >>Von dir weiss ich sogut wie gar nichts.<<
Ich zuckte mit den Schultern und beschloss so nahe wie möglich an der Wahrheit zu bleiben ohne zuviel zu erzählen.
>>Da gibt es nicht viel zu erzählen.<< Sagte ich und leerte mein Bier in einem großen Zug. >>Ich bin Vollwaise, habe keine Geschwister, werde von einer staatlichen Organisation mit einem Dach über dem Kopf versorgt und halte mich mit Jobs über Wasser die sonst niemand machen will.<<
Nikki nickte, sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schlürfte die letzte hoffnungslose Pfütze Devil´s durch den Strohhalm in ihrem Glas.
>>Vielleicht wäre ja eine Karriere beim Militär das Richtige für dich.<< Sagte sie schließlich und in meinem Kopf schlug der Drummer seine Trommeln. Dudumm-Tssssss.
>>Darüber habe ich auch schon nachgedacht.<< Sagte ich. >>Viel zu verlieren hab ich je nicht.<<
>>Außer deinem Leben und deiner Gesundheit.<< Der Kellner stellte unser Essen vor uns ab. Ein Steak von der Größe eines Kanalsdeckels für mich und Chili con Carne für Nikki. Die Soße war mehr gelb als rot und das Hackfleisch roch nach Pfefferspray.
>>Wäre schade drum.<< Sagte sie und begann ihr schmerzhaft scharfes Chili con Carne zu löffel. Mir standen schon vom Zusehen Schweißtropfen auf der Stirn. Entweder war Nikki ohne Geschmacksnerven geboren worden oder hatte einen Magen aus Beton. Ohne mit der Wimper zu zucken schluckte sie den Bissen in ihrem Mund hinunter und sah enttäuscht auf ihr Essen.
>>Stimmt etwas nicht?<< Fragte ich und schnitt mein Steak an und genoss den wundervolle Moment als das Blut und der Saft sich mit der Soße vermischten.
Nikki sah mich an und leckte ihren Löffel sauber. >>Zum Chili trink man eigentlich Tequila...<< Dachte sie laut. Ich sah sie an und sagte >>Ich glaube ich habe mich gerade in dich verliebt.<<
Sie lachte und bedeckte den Mund mit ihrem Handrücken weil sie dachte ich hätte einen Scherz gemacht.
Das hatte ich nicht.

25.5.12 19:26

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