Francis drehte an der Kurbel des alten Schallplattenspielers.Er legte die Nadel auf die Schallplatte und wartete voller Vofreude auf das Einsetzen der, dem Anlass entsprechenden, Musik. Die Wahl war ihm schwer gefallen, nachdem er lange mit sich gerungen hatte, Musik war schließlich ein entscheidender Faktor seiner Arbeit, hatte Francis sich für Schuberts Ave Maria entschieden.
Er schloss die Augen und dirigierte das Orchester des Plattenspielers.
Das schwere Gummi der Schürtze lag kalt auf seiner nackten Haut. Kleidung störte ihn bei der Arbeit, ihr grässliches Kratzen riss ihn immer in den wichtigsten Momenten aus der Konzentration, allein das Geräusch wenn die Baumwolle seiner Hosenbeine aneinander rieb, brachte ihn aus dem Konzept und alle Mühe war umsonst gewesen. Nein. Er war ein Künstler, ein Genie und er konnte sich die Freiheit herausnehmen, wenn er etwas erschuf dies auch nackt zu tun. Hatte Beethoven etwa Kleidung getragen als er seine neunte Symphonie schrieb? Hatte Da Vinci seinen Geist in Stoff und Wolle eingekerkert als er die Decke der sixtinischen Kapelle bemalte? Selbst James Watts war, als er die Dampfmaschine erfand, unbekleidet gewesen. Warum sollte Francis, von dessen Genialität sich die Welt scon bald selbst überzeugen sollte, also seinen Erfolg durch so etwas läpischen wie gewobene Baumwolle aufs Spiel setzen.
Francis rieb die Hände aneinander und ging durch das Wohnzimmer des alten, vor langer Zeit verlassenen, Farmhauses. Es war ein unauffälliger Bau der den nächsten Sturm wohl nicht überstehen wüde, jedoch war gerade das einer der Gründe dafür das Francis hier seine Werke erschuf. Niemand, kein Angehöriger der engstirnigen Strafverfolgungsbehörden oder deren willenlose Büttel, würde hier, 35 Meilen entfernt vo allem, nach ihm suchen. Und selbst wenn das Haus eines Tages zusammenbrach. Was soll´s? Dann würde er sich eben ein neues Versteck suchen in dem er ungehindert seinem Talent freien lauf lassen konnte.
Er schlug das weiße Seidentuch zur Seite und erfreute sich für einen Augenblick an dem, auf glänzen polierten rostfreien Stahl seiner Werkzeuge tanzenden, Kerzenschein. Was für ein Anblick. Franci sürte das wohlige Kribbeln auf seiner Haut, er zwang sich nichtgleich nach dem Skallpell zu greifen, kostete den Moment der unendlichen Vorfreude aus und fuhr mit seinen Fingerspitzen über das kalte Metall. Er nahm das kleinste Skallpell, rasiermesserscharf auf einem teuren Stein geschliffen und überzeugte sich, das es genauso perfekt war wie er es haben wolte.
Doch gerade als er nicken und mit seinem Werk beginnen wollt fiel sein Blick auf etwas Unmögliches. Dort wo Klinge und Griff sich vereinten, für das ungeübte Auge kaum sichtbar, klebte ein rotbrauner Fleck auf dem chirurgischen Stahl. Francis Hände begannen zu zittern, seine Nackenmuskeln verkrampften sich, er biss die Zähne zusammen um nicht sofort in blinde Raserei zu verfallen.
>>SEAN!<< Brüllte Francis, ausser sich vor Wut.
>>Ja Doktor?<< Fragte der kleine, gebückt gehende Assistent.
Francis warf ihm einen Blick zu der das Blut in Seans Adern gefrieren ließ.
>>DU NUTZLOSER TROTTEL!<< Francis rang um Beherrschung, seit der Sean zu seinem Assistenten gemacht hatte, war der magere Mann nichts als eine durchgehende Enttäuschung gewesen. >>WAS SIEHST DU HIER?<<
Sean kniff die Augen zusammen und richtete seinen Blick auf das Skallpell das er stundenlang, genau wie die anderen Instrumente seines Herren, poliert und geschliffen hatte. Jedoch fand er keine Grund, über den es sich aufzuregen lohnte.
>>Doktor ich...ich...ich kann beim besten Willen nichts erkennen.<<
Francis fühlte sich wie ins Gesicht geschlagen. Nicht nur das Sean ihn, womöglich mit Absicht, sabotierte, nein, er verkaufte ihn auch noch für dumm, nannte ihn ohne es tatsächlich aus zu sprechen einen Lügner. Francis verlor die Fassung. Er packte Sean am Hals und drückte die Klinge des Skalpells in die Wange seines Assistenten. Nicht tief genug um Blut fließen zu lassen. Das wäre ja noch schöner, diesen verblödeten Tollpatsch, der seine einzige Aufgabe nicht ernst nahm, auchnoch zu belohnen.
>>Sean.<< Sagte Francis nachdem er ein paar mal tief eingeatmet hatte und seine Beherrschung wieder erlangte. >>Deine einzige Aufgabe besteht darin meine Instrumente sauber und scharf zu halten.<<
Sean nickte und erwartete gespannt den Kuss der Klinge auf seinem Fleisch. Was für eine Ehre wäre es, wenn der geniale Virtuose ihm ein Zeichen setzen würde. Ein Autogramm das er stolz tragen würde wo jeder es sehen konnte.
>>Ja Doktor.<<
>>Aber du bist nachlässig. Du denkst dir das der alte Narr es ohnehin nicht bemerkt wenn du schlampig bist.<<
>>Doktor.<< Wollte Sean sich rechtfertigen. >>Ich habe nie auch nur...<<
>>Halt den Mund!<< Schnitt Francis Sean das Wort ab. >>Ich will deine Lügen nicht hören!<<
Francis warf das Skalpell auf den Boden, ging an den kleinen Tisch auf dem die restlichen Instrumente ruhten und trat ihn um. Skalpelle und Sägen schepperten auf den staubigen Holzfußboden des alten Farmhauses.
>>Als Strafe für deine Nachlässigkeit.<< Entschied der Doktor. >>Wirst du mir eine Woche nicht bei der Arbeit zusehen. Und jetzt mach dich an die Arbeit.<<
Sean nickte, Tränen schossen in seine Augen. Die Strafe war hart und unmenschlich. Er hatte einen Fehler gemacht, soviel war ihm klar, aber musste Francis wirklich so brutal sein? Seinem Meister eine ganze Woche nicht zusehen zu dürfen, schmerzte mehr als zehn gebrochene Knochen.
>>Ja Doktor.<<
>>Verschwinde.<< Befahl Francis. Sean drehte sich um und ging.
Der Plattenspieler verstummte. Francis nahm die Nadel vo der Schallplatte, innerlich kochend vor Wut, und drehte sich zur alten Krankenhausbahre in der Mitte des Raumes um.
>>Verzeihen Sie, meine Liebe,<< Sagte er dem Mädchen. >>Aber ich fürchte das wir noch etwas warten müssen.<<