Das Leben ist hart wenn man Zwölf ist, sich vor Schmerzen kaum bewegen kann und ausser den
Klamotten die man auf dem Leib hat nichts besitzt. Wenn man dazu noch seit Tagen nichts richtiges
gegessen hat und einem eine Bande motivierter Hilfssheriffs im Nacken hängt kommt man
unweigerlich zu der Erkenntniss das einen das Schicksal, an den entscheidenden Punkten, richtig
fies gefickt hat.
Tja, da war ich nun. Frisch gebackener Vollwaise. Frisch gebrandmarkter Gebranntmarkter.
Die erste Nacht hatte ich in einem, vor langer Zeit stillgelegten, Minenstollen etwa sechs Meilen
vor der Countygrenze verbracht. Es hatte den ganzen Tag geregnet und ich hatte erfolglos versucht
ein Feuer zu machen um zumindest meine Klamotten trocknen zu können. Um es
zusammenzufassen: Ich war halb verhungert, hatte Schmerzen die jede Skala sprengten, frohr wie
ein Schneemann und hatte immernoch die Stadtwachen im Genick. Die Situation war beschissener
als der Boden eines Kuhstalls.
Ich hatte in dieser Nacht alles in allem vielleicht eine halbe Stunde... nennen wir es mal geschlafen
und wusste immernoch nicht wo ich hingehen konnte oder was ich machen konnte um meine Lage
zu vebessern. Noch bevor die Sonne aufging machte ich mich auf den Weg in Richtung der
Countygrenze um wenigstens den Pulk waffenschwingender Wochenendmilizionäre loszuwerden.
Gegen Mittag kam ich an einem Maisfeld vorbei und zum ersten mal seit Dad der Justiz zum Opfer
gefallen war hatte ich die Hoffnung das es wieder bergaufging. Der Mais war reif und die Körner
steckten dick und golden in den Kolben. Roher Mais war besser als nichts, also schälte ich ein paar
Kolben und biss hinein wie in einen Apfel. Die Sonne brach durch die am himmel hängenden
Wolken und wärmte mein Gesicht. Gerade als ich wieder aufstehen wollte bellten Schüsse durch
das Feld. Ich warf mich der länge nach in den Dreck (als ob das noch einen Unterschied gemacht
hätte) und versuchte mich so klein wie möglich zu machen. Wieder brachen Schüsse. PAMMPAMM-
PAMMPAMMPAMMM-PAMM. Ritsch-Ratsch-BAKOUM-Ritsch-Ratsch-BAKOUM,
Rattatatatatatatatattatatatatatatata... und so weiter und so fort.
Ich lag, bis zu den Ohren, im Dreck, kaute rohen Mais und fragte mich was ich in meinem letzten
Leben wohl verbrochen hatte um das alles zu verdienen. Das Karma ist ein Arschloch.
Die Schüsse hatten aufgehört, ich kroch über den Boden um herauszufinden wer dort auf wen
schoss. Vielleicht hatte ich ja Glück und die Kerle hatten sich gegenseitig umgelegt, was bedeutete
das es möglicherweise etwas zu holen gab. Nach etwa 30 Metern erreichte ich einen Pfad der
einmal der Länge nah durch das Feld führte. Wahrscheinlich eine Schneise für den Traktor des
Farmers oder so. Vier Männer standen mit Spaten in den Händen vor einem Loch und rauchten.
Zwei warfen etwas ins Loch und zwei begannen, mit der Kippe im Mundwinkel, das Loch
zuzuschaufeln. Sie unterhielten sich in einer Sprache von der ich annahm das es Russisch oder
etwas in der Art war. Einer der Männer, ein hochgeschossener Kerl Ende der Dreißig mit dicker
Brille und dünnen Armen zeigte in das Loch. Sein Kumpel, ein Bär von Mann mit kahlem Schädel
und Händen wie Baggerschaufeln, stieg hinab, hob den Spaten und schlug zu. TAK-TAKPLATSCH.
Er stieg wieder aus dem Loch, wischte sich etwas aus dem Gesicht und schaufelte
weiter wie ein Straßenbauarbeiter der ein Schlagloch zuschüttet.
Es dauerte eine Viertelstunde, vielleicht auch zwanzig Minuten (versuch du mal dein Zeitgefühl zu
behalten wenn du kurz davor bist den Hunger-Erfrierungs-Erschöpfungstod zu sterben), dann warf
der Bär von Kerl den Spaten achtlos ins Feld und alle vier stiegen in einen schwarzen Tojota-
Geländewagen. Ich dachte schon sie hätten mich entdeckt als sie, gerade einmal vier Reihen Mais
von mir getrennt, aus dem Feld fuhren. Ich blieb im Dreck liegen, kämpfte dagegen an den Mais
wieder auszukotzen und wartete bis das Motorengeräusch den Tojota leiser leiser leiser leiser wurde
und schließlich verschwand.
Ich stand auf, klopfe den Schlamm von meinen Klamotten und suchte den Spaten den der Bär ins
Feld geworfen hatte. Ich fand ihn, ging zum Loch un fing, eher aus Neugier als in der Hoffnung
etwas brauchbares zu finden, an zu graben. Es kostete mich fast zwei Stunden bis ich mit dem
Blech des Spatens auf etwas stieß das härter war als eine Wurzel aber weicher als ein Stein. Es war
ein Fuß. Der Mais kündigte seinen Rükwärtsgang an. Jesus Christus, Maria, Josef und wie die
andern noch heissen. Heilige Mutter Gottes und allmächtiger Satan. Ich stand bis zum Kinn in einen
VERDAMMTEN GRAB! Nachdem ich meinen Mageninhalt wieder in die Natur zurückgeführt
hatte (sah ekelhaft aus, roch noch schlimmer und wurde vom Geschmack getopt), grub ich weiter
bis auch der zweite Fuß ans Tageslicht kam, dann eine Hand und irgendwann auch etwas das einmal
ein Gesicht gewesen war. Fick mich hart und nenn mich Liebling, der Kerl sah aus als wäre er in
einen Mähdrescher gerannt. Wären die Kleidungsfestzen nicht gewesen hätte man nicht sagen
können ob es in Mensch, ein Schwein oder eine Kuh war in die der Blitz eingeschlagen hatte.
Er war zwar nicht der erste Tote den ich jemals gesehen hatte und ich habe auch keine bitteren
Tränen um ihn geweint, aber es war schon ´ne reichlich beschissene Art abzutreten. Dann fand ich
etwas brauchbares, die beiden Pistolen die die Männer ins Loch geworfen hatten. Große, schwere,
unhandliche Dinger die ihre besten Zeiten bereits vor Tag X lange hinter sich hatten. Trotzdem
steckte ich sie ein, stieg aus den Loch un schaufelte das Grab wieder zu. Als ich fertig war ging die
Sonne bereits unter, ich hatte den ganzen Tag in diesem verfluchten Feld verbracht, und wofür? Für
zwei museumsreife Knarren die aussahen als würden sie beim nächsten Schuss in ihre Einzelteile
zerbröseln.
Ich steckte noch ein paar Maiskolben ein und sah zu das ich mich aus dem Staub machte.
Wenigstens war mir jetzt durch die ganze Buddelei wieder warm.
Die zwei Nacht, soweit das überhaupt möglich war, noch beschissener als die Erste. Gegen Abend
bekam ich Fieber und Kopfschmerzen die jenseits von Gut und Böse waren. Mit jedem Herzschlag
drohte mein Schädel zu zerspringen und ich nahm die Welt um mich herum nurnoch durch einen
dichten Nebelschleier wahr. Ich war dem Tod näher als ein Alkoholiker seinem Frühstücksbier,
legte mich irgendwo an einen Baum und schlief kaum das ich die Augen geschlossen hatte tiefer
und fester als ein Komapatient auf Beruhigungsmitteln. Ich dachte schon das es das gewesen wäre.
Gute Nacht und danke für den Fisch.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie ein zertretenes Kaugummi, richtig und wahrhaftig hundeverdammte-
Scheiße-elend. Ich schleppte mich, wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, in die
nächste Siedlung. Gallow Hill, ein gottverlassenes Kaff irgendwo in Ohio. Zwei nicht asphaltierte
Straßen, eine kleine Kirche, zwei Saloons und ein Gemischtwarenladen. Sah aus wie eine Stadt in
die Clint Eastwood in seinen Westernfilmen immer am Anfang geritten war. Es fehlte nurnoch eine
herumgewehte Steppenhexe und alles wäre oldschool 1878 gewesen.
Ich stolperte in den Gemischtwarenladen und fragte mich ob der Besitzer vielleicht >>When Johnny
comes marching home<< auf Hupen tröten würde wenn ich ihm dafür einen Eimer Makrelen
hinstellen würde. Der Kerl sah aus wie ein Walross mir Stiernacken und Sonnenbrille.
Seine Gesichtszüge entglitten ihm als er mich, sogut wie tot und so gut wie tot riechend, im
Türrahmen stehen sah.
>>Ach-du-Scheiße.<< Sagte er. >>Junge, was um alles in der Welt ist denn mit dir passiert?<<
Ich wankte und hatte nicht mehr die Kraft um zu sprechen, also zog ich mein Shirt hoch und zeigte
ihm das, inzwischen heftig eiternde, BANNED auf meiner Brust. Dann schlug mein Kopf hart auf
den Holzboden und die Welt um mich herum verschwand in einem tiefen, alles egal erscheinen
lassenden Schwarz.