Doktor Francis hatte Sean zwar verboten ihm für eine, unendlich lange, Woche bei der Arbeit zuzusehen, jedoch hatte er nichts davon gesagt das Sean sich von den Rohstoffen fern halten sollte.
Und was für Rohstoffe Sean für das neue Werk aufgetrieben hatte.
Blutjunge, absolut reine, jungfräuliche Rohstoffe. Auf den Tag genau 16 Jahre alt mit samtweicher
Haut und rehbraunen Augen. Perfekt bis auf das letzte Haar.
>>Hallo?.<< Stöhnte das Mädchen, dessen zarte Handgelenke an ein altes Heizungsrohr im Keller
gefesselt waren. >>Ist da jemand?<<
Sean schwieg.
>>Bitte.<< Stöhnte sie. >>Wasser...bitte...Wasser.<<
Er leckte sich die Zähne. Was würde er nicht alles für eine einzelne Glühbirne, nur einen winzigen
Lichtschein in diesem dunklen Keller geben.
>>Du solltest nicht einmal daran denken.<< Sagte Remus, die Stimme der Vernunft in Seans Kopf.
>>Nicht einmal daran denken solltest du.<<
>>Tu es!<< Drängte Romulus, Remus´böser Zwilling. >>Mach schon. So eine Gelengenheit
bekommst du nie wieder.<<
>>Doktor Francis wird das nicht gefallen.<< Erwiderte Remus. >>Gefallen wird das Doktor Francis
nicht.<<
>>Scheiss drauf!<< Romulus beharrte auf seiner Idee. >>Tu es Sean! Tu es!
Tuestuestuestuestuestues!<<
>>MAUL HALTEN ALLE BEIDE!<< Sie anzuschreien war die einzige Möglichkeit Romulus und
Remus, jedenfalls für eine Weile, zum Schweigen zu bringen.
>>Hallo?<< Fragte das Mädchen. >>Sir?<<
Sean ohrfeigte sich geistig selbst. Wieder einmal stand er dank der beiden Stimmen da wie ein
Trottel.
>>Ich bin hier.<< Gestand er. >>Schon eine ganze Weile.<<
Sean hörte das leise Wimmern des Mädchens. Nur eine einzelne Glühbirne. Nur etwas Licht. Nur
für eine Minute.
Er streckte die Finger aus, fühlte das warme weiche Fleisch des verschwitzten Körpers, ertastete
etwas das sich wie eine Schulter anfühlte.
>>JACKPOT!<< Triumphierte Remulus. >>Und jetzt nach unten, nein, nach rechts, nein Blödsinn,
nach unten, oder vielleicht doch nach rechts?<<
>>Der Doktor wird dich fürchterlich bestrafen. Bestrafen wird der Doktor dich ganz füchterlich.<<
>>Halt die Fresse Remus!<< Blaffte Romulus seinen Bruder an. >>Halt blos deine verkackte Fresse
oder ich tu dir weh!<<
>>Die Strafe wird grausam. Grausam wird die Strafe.<<
>>JETZT HALTET DOCH BEIDE EINFACH MAL DIE SCHNAUTZE!<<
Sean wartete eine Sekunde um sich zu vergewissern das die beiden Stimmen schwiegen. Dann
bewegte er seine Hand, um wenigstens Romulus ruhig zu stellen, nach rechts. Seine Fingerstiptzen
ertasteten die weiche Rundung einer Brust.
>>Sir...<< Flehte das Mädchen. >>Wenn Sie Geld wollen, kein Problem, meine Familie wird Ihnen
jeden Preis bezahlen. Nennen Sie einfach eine Summe und ich garantiere Ihnen das Sie sie
bekommen.<<
>>Geld?<< Sean spuckte das Wort voller Verachtung aus. Alles Geld der Welt war kein Vergleich
zu dem welchen Wert Doktor Francis diesem Mädchen verleihen würde. >>Willst du mich
beleidigen?<<
>>Nein Sir. Bitte.<< Sean konnte ihre Tränen auf den Zement des Bodens fallen hören. >>Lassen
Sie mich gehen.<<
Er kniete sich neben das Mädchen, legte seinen Mund neben ihr Ohr und sagte. >>Keine Angst, du
wirst gehen wenn der Doktor es für richtig hält.<<
>>Sir.<< Ihre Stimme war von Tränen erstickt. >>Bitte. Geben Sie mir Wasser.<<
>>Ein Glas Wasser kann nicht schaden.<< Bemerkte Remus. >>Schaden kann ein Glas Wasser
nicht.<<
>>Und danach greifst du gefälligst nach unten!.<< Warf Remulus ein. >>Zwischen die Beine!<<
Sean nickte, ging die schmale Kellertreppe hinauf in die Küche und hielt ein Glas unter den
Plastikkanister mit dem Trinkwasser. Etwas blinkte am Horizont. Nur ein kaum wahrnehmbares
Funkeln von dem Sean nicht mit Sicherheit sagen konnte ob er es gesehen hatte oder nicht. Er ging
zur Küchenzeile und nahm das Fernglas neben der verstaubten Spüle in die Hand. Da war diesen
Blinken wieder. Sean stellte die Schärfe der Linsen ein und hoffte es noch einmal zu sehen.
-Blink-

Gestern noch schienen seine Ideen brilliant, doch kaum das Francis an diesem Morgen aus dem Bett
gestiegen war langweilten die Dinge die ihm am Vorabend noch wie göttliche Eingebung
vorgekommen waren. Schuld an allem war Sean. Dieser Nichtsnutz. Hätte er seine Arbeit richtig
gemacht, hätte er dieses Skallpell auch nur annähernd in einen akzeptablen Zustand gebracht, wer
weiss zu welchen Höchstleistungen Francis fähig gewesen wäre. Sean. Allein schon beim Gedanken
an diesen buckligen, faulen, Trottel ballte Francis die Fäuste. Jedoch musste Francis, sehr zu seinem
Leidwesen, eingestehen das sein Assistent einer der wenigen Menschen war, die seine Genialität
erkannt hatten. Die Leute standen nicht gerade Schlange um ohne Bezahlung arbeiten zu dürfen.
>>Man nimmt was man kriegen kann.<< Sagte Francis und schlug das Buch auf seinem
Schreibtisch beim Lesezeichen auf. Sich die Bilder, seitenfassende Hochglanzfarbaufnahmen,
anzusehen glich für Francis einer visuellen Folter. Die, der Doktor weigerte sich strickt sie als
Werke zu bezeichnen, dahingepfuschten Machenschaften widerten ihn an. Länger als zehn Minuten
am Tag hielt er diese diletantischen, fast schon verbrecherischen, Schöpfungen nicht aus ohne
Kopfschmerzen zu bekommen. -SKANDALÖS- Las Francis den abgedruckten Ausschnitt einer
Tageszeitung.
>>Skandalös. In der Tat.<< Dachte der Doktor. >>Eine skandalöse Verschwendung von gutem
Material.<<
Er blätterte die Seite um, schloss die Augen und schüttelte voller Abscheu vor einer derart
unterirdischen Leistung den Kopf. Was hatte sich dieser Blender nur dabei gedacht? Für wen um
alles in der Welt hielt er sich? Warum hatte ihn niemand gezwungen mit seinem Tun aufzuhören
und sich stattdessen einer Aufgabe zu wittmen die eher seinem Talent entsprach? Kartenabreisser im
Pornokino zum Beispiel. Oder der Assistent eines Babysitters eines Handlangers eines Sekretärs
eines Hilfsarbeiters. Wahrscheinlich lag es an der verrotteten, dummen, ignoranten Gesellschaft der
Welt vor Tag X, die es diesem talentlosen Nichtskönner ermöglichte sich selbst als Künstler
bezeichnen zu können.
Die Tür des Zimmers wurde aufgerissen. Francis schlug das Buch zu und hob den Blick.
>>Doktor!<< Sean atmete schwer, zweifellos war er gerannt. >>Die Polizei steht vor den Toren.<<
Doktor Francis erhob sich von seinem Stuhl. >>Das ist schlecht.<< Sagte er und schlug das
Seidentuch, unter dem seine Instrumente vor Staub geschützt darauf warteten benutzt zu werden,
zur Seite.
>>Wieviel Zeit bleibt uns noch?<<
>>Nicht lange Doktor.<< Sean warf nervös einen Blick über die Schulter. >>Ein paar Minuten.<<
Francis nickte und griff nach einer verchromten Säge. >>Das ist weniger als ich gehofft hatte. Aber
mehr als wir brauchen werden.<<