Als ich die Augen wieder öffnete packte mich blanke Panik. Ich betastete mein Gesicht und fühlte das meine Augenlieder oben waren. Aber es blieb dunkel. >>Ruhig Mann.<< Dachte ich. >>Es könnte doch sein das der Raum dunkel ist.<< Damit war ich bei der zweiten, nicht weniger beängstigenden Frage, wo verdammt war ich? >>Blinzel!<< Befahl ich mir und nachdem ich meine Augen ein paar mal auf und zu gemacht hatte wurde aus dem tiefen, glänzenden Schwarz ein grauer Schleier und, endlich, die unklare verschwommene Realität. Ich sah alles nur unscharf, aber mein Geruchssinn funktionierte noch, hatte sich aber gegen die Tatsache gewehrt das es nach Kacke roch. Panikattacke Nummer 3, in nicht ganz einer halben Minute. Hätte ich damals schon geraucht wäre mir ein Herzinfarkt sicher gewesen. Als alles wieder eine erkennbare Form hatte aber trotzdem noch den blassen Sephiafarbton alter Kriegsfilme lag schlug ich die Bettdecke zur Seite und sah auf meine nackten Beine. Ich trug eine Unterhose aus Papier von der ich keine Ahnung hatte wem sie gehörte oder, Nummer 4, wer sie mir angezogen hatte. Das Laken war, bis auf ein paar Schweißflecken sauber. Erleichterung. Der Geruch musste woanders herkommen. Der Grund saß in einem Rollstuhl am Fenster. Ein Kerl mit rasiertem Schädel auf dem die Haarstoppeln nachzuwachsen begannen saß in einem flauschigen hellblauen Frottierbademantel in einem modern aussehenden Rollstuhl und sah, leicht nach vorn gebeugt aus dem Fenster. Links und rechts an seinen Schläfen zeichneten sich dicke Wattepolster unter einer großzügig um seinen Kopf gewickelten Mullbinde ab.
>>Hallo?<< Fragte ich vorsichtig. Keine Reaktion. Er saß nur da und starrte aus dem Fenster auf eine frisch gemächte Rasenfläche. Was für ein Aroma. Frisch gemähtes Gras und Scheiße, beides nicht zu knapp. Ich fasste mir ein Herz und fragte nochmal, so fest es der beginnende Stimmbruch zuließ. >>Halloooo-hoooo?<<
Wieder keine Reaktion.
>>Mister?<< Nichts.
Ich schwang ein Bein aus dem Bett und ging auf unsicheren Füßen zu ihm. Ja, er war definitiv die Quelle des Gestanks. Ich erschrak fast zu Tode, Beinaheherzinfarkt Nummer 5. Er war ausgemergelt und dürr, mit eingefallenem unrasierten Gesicht starrte er mit offenem Mund auf einen Punkt in der Ferne den wohl nur er sah. Speichel lief in einem feinen Faden aus seinem Mundwinkel und floss auf einen langsam aber sicher größer werdenden Fleck auf seine, ebenfalls in Papier gehüllten, Knie. Er bewegte die Lippen als wolle er mit etwas sagen, aber kein Ton kam aus seiner Kehle. Es sah aus als würde er, langsam und mit offenem Mund, auf seiner eigenen Zunge herumkauen. Ich legte meine Hand aus seine Schulter und wieder bewegte sich sein Mund ohne einen Ton auszuspucken.
>>Alles okay Mister?<< Was für eine Frage, der Typ war das blühende Leben. Nur etwas schüchtern. Pfeifendeckel!
Er nahm, so hatte es jedenfalls den Anschein, nicht die geringste Notiz von mir. Er starrte nur mit einem offenen und einem geschlossenen Auge auf die Wiese, kaute auf seiner Zunge und sabberte die ein Weltmeister. Ich bewegte meine Hand vor seinen Augen auf und ab. Absolut keine Reaktion. Vollkommene Mattscheibe. Testbild ohne Farbe und Ton. >>Was immer sie ihm geben.<< Dachte ich. >>es ist auf alle Fälle reichlich davon.<< Inzwischen nahm ich den Geruch gar nicht mehr wahr. Das war auch ganz gut so. Ich sah aus dem Fenster und versuchte den Punkt auszumachen der meinen neuen...Freund?... so faszinierte. Auf der anderen Seite des Fensters lag ein satter grüner Park mit hohen Ahornbäumen, Eichen und Tannen. Zwei sorgfältig geplästerte Gehwege trafen sich in einem, von Sitzbänken aus Betonplatten eingegrenzten, Rondell in dessen Mitte ein kleiner Kiosk stand. Mir kam das alles so unwiklich vor das ich ehrlich dachte ich würde träumen. Die Tür des Zimmers ging auf, ich drehte mich erschrocken um und sah... ein Mädchen, ein hübsches Mädchen, in hellgrünen, unförmigen Einwegklamotten. Grüne Jogginghose, hellgrünes Shirt, hellgrüne Bluse, weiße Turnschuhe. Tiefblaue Augen, lang und weich über die Schultern fallendes rotbraunes Haar, weiches symetrisches Gesicht mit schmaler Stupsnase und Lippen die weder zu breit noch zu schmal waren, etwas älter als ich aber noch keine Achtzehn. Kein Kind mehr aber auch noch keine Frau. Per-grundgütigers Schädel-Hirn-Trauma-fekt. Bevor du jetzt anfängst mich für pädophil zu halten, denke daran, ich war erst ZWÖLF und die Pubertät hatte mich getroffen wie eine Abrissbirne.
>>Oh.<< Sagte sie. >>Du bist wach.<<
Ich nickte stumm und zögernd. Zwölf, pubertär und nur mit einer Papierunterhose bekleidet. Ich weiss das ich mich wiederhole aber: Karma...ist...ein...mieses...gottverdammtes...beschissenes...gnadenloses...Arsch...loch.
>>Das freut mich. Es sah anfangs gar nicht gut für dich was riecht denn hier so?<< War das eine rethorische Frage oder wollte sie wirklich Informationen? Ich zeigte stumm auf meinen neuen Freund der mit breitem Ich-war-ein-böser-Junge-und-jetzt-habt-ihr-den-Salat-Grinsen am Fenster saß und in den Park glotzte. Und sabberte. Und sabberte. Und glotzte.
>>Schon wieder?<< Eine eindeutig rethorische Frage. Die Beweislast war erdrückend. Sie warf den Kopf in den Nacken und ihr rotbraunes Haar fächerte sich für einen kurzen Augenblick auf. >>Gleich krieg´ ich ´n Kind!<< Entfuhr es ihr. >>AUFZIEHEN musst du es allein.<< Dachte ich, zwölfjährig, pubertär und nur mit einer... du weisst was ich meine. >>Aber BEKOMMEN könntest du es von mir.<<
Sie atmete ein paar mal tief, durch den Mund, ein und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. Dann atmete sie tief aus und legte ein freundliches, entwaffnendes Lächeln auf. >>Anscheinden hast du Private Lucky bereits kennen gelernt.<<
>>Lucky?<< Fragte ich. >>So glücklich sieht er aber nicht aus.<<
>>Ist aber ein echter Glückspilz.<< Sagte sie, ging zu Private Lucky und zog den Bund seiner Hose hinter seinem Rücken zurück um sich einen Überblick zu verschaffen.
>>Was ist denn mit ihm los?<<
>>Eine konkurrenzlose Mischung aus atemberaubender Dummheit und unwahrscheinlichem Glück.<<
>>Glück?<< So wie er aussah hatte er alles, aber kein Glück.
>>Kennst du russisches Roulette?<< Fragte sie.
>>Ja. Ein Revolver, fünf leere Kammern und eine scharfe Patrone.<<
>>Private Lucky allerdings hatte wohl die Regeln etwas durcheinander gebracht.<< Sie schob ihn an sein Bett und zog seine Papierschuhe aus.
>>Zwei scharfe Patronen?<< Fragte ich.
>>Eine leere Kammer.<< Antwortete sie. >>Allerdings hatte er, als er sich mit einer .357er in den Kopf schoss, soviel Glück die lebenswichtigen Zentren seines Gehirns zu verfehlen. Allerdings hat er sich, im wahrsten Sinne des Wortes, seinen gesamten Verstand und sein Augenlicht weggeschossen.<<
>>Sabbert er deswegen so?<<
>>Er sabbert.<< Sie zog seine Hose hinunter. Ein Anblick passend zum Geruch. Um dir die Details zu ersparen sage ich einfach: bis unter den Bauchnabel >>Pisst, kackt, kotzt... alles in rauhen Mengen. Ich bin übrigens Private First Class Miriam Slater. Es reicht aber vollkommen wenn du Miriam zu mir sagst. Wie ist dein Name?<<
Das war die Milliondollarfrage.Ich war gerade erst zwei Minuten wach nachdem ich...wielange geschlafen hatte? Es endete auf ein Y. Zwölf Jahre alt, pubertär, mir einer Papierunterhose bekleidet und kann sich nicht an seinen eigenen Namen erinnern. Der Traum aller Mädels. Zum Glück gab es nicht allzuviele Namen die auf ein Y endeten. Lenny. Benny. Barry. Johnny. Gerry. Gerry? Gerry!
>>Ich bin Gerry.<< Und das bin ich bis heute. >>Gerry Ko...Ko...Konnerly. Gerry Konnerly.<<
>>Bist du dir sicher?<< Fragte Miriam.
>>Im Moment ehrlich gesagt nicht.<<
>>Das ist ganz normal. Du warst in einem wirklich schlechten Zustand als du herkamst. 41 Grad Fieber und vollkommen dehydriert. Wir dachten schon das du es nicht packst.<<
>>Gab es Wetten?<< Fragte ich.
>>Sowas würden wir nie tun.<< Miriam war entsetzt und sah mich an als hätte ich gerade mein Kopfkissen gefressen. >>... Ich hatte Zehn auf dich gesetzt.<< Gab sie zu als sie Luckys Unterhosen wechselte.
Ich nickte. >>Die bin ich wohl wert. Wie lange war ich weggetreten?<<
>>Fast zwei Wochen. Wir haben dich mit Antibiotika und Nährlösungen vollgepumpt bis zum Gehtnichtmehr.<< Glaub mir, es war kein schöner Anblick als Lucky endlich frische Hosen anhatte und sein Faupax als zusammengeknüllter Ball im Mülleimer neben der Tür landete. >>Bevor ich es vergesse.<< Sagte Miriam. >>Du hattest Besuch.<<