Nach zehn Tagen hatte ich mich körperlich soweit erholt selbstständig auf die Toilette gehen zu dürfen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Sprung für mich. Durch die ganzen Antibiotika, Schmerzmittel, Psychopharmaka, Aufputschpräparate, Beruhigungsmittel und Nährlösungen war ich kaum mehr als ein langsam genesender aber geistig vollkommen leerer Körper. Jeden Tag kam ein anderer Seelenklemptner um mir die selben Fragen zu stellen. Wie fühlst du dich Gerry? Wie hast du geschlafen Gerry? Was beschäftigt dich Gerry? Was hast du geträumt Gerry? Was dachten sie wohl wie es mir ging? Ich hatte mit ansehen müssen wie man meinen Vater aufhängt, ich war mit glühenden Eisen verbrannt worden, man hatte mich zum Verrecken in die Wildniss geschickt und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen teilte ich mir ein acht Quadtarmeter großes Krankenhauszimmer mit jemandem der auf dem geistigen Niveau einer Sportsocke herumdümpelte. Wie ich mich fühlte? Mir schein ein farbenfroher Regenbogen aus dem Arsch. Ich hatte den Kanal gestrichen voll. Sie wollten wissen was in mir vorging? Also erzählte ich es ihnen. Von den Schlafstörungen, den Phasen geistiger Leere, den Gedanken diejenigen umzubringen die meinen Vater ermordet hatten. Wie ich mir ausmalte eines Tages zurück ins Dorf zu marschieren und einfach jeden über den Haufen zu schießen der mir über den Weg lief. Schlagadern zu durchschneiden. Knochen zu brechen. Schädel zu spalten. Diese ganze verdammte Bande in Feuersturm und Kugelhagel auszuradieren. Ohne Gnade. Ohne Reue. Ohne Gewissensbisse.
Fünf unterschiedliche Hirndoktoren führten fünf verschiedene Gespräche unter fünf verschiedenen Bedingungen und alle kamen zu dem selben Ergebniss. >>Gerry ist ein schwer traumatisierter, psychisch labiler, junger Mann der die ersten Anzeichen einer emotionalen Sozialverhaltensstörung aufweist.<< Kurz gesagt: Ich war auf dem besten Weg ein erstklassiger Psychopath zu werden obwohl ich keines der drei Hauptanzeichen zeigte. Weder pinkelte ich ins Bett, noch legte ich Feuer oder quälte Tiere. Nichts von alledem.
Eines Morgens, ein paar Tage nachdem der letzte dieser "Spezialisten" mit einem Gutachten über meinen >>beträchtlich verwirrenden emotionalen Zustand<< von dannen gezogen war, betrat Miriam mein Zimmer und stellte einen großen grauen Pappkarton.
>>Du hast Besuch.<< Sagte sie und rang sich ein gezwungenes Lächeln ab. >>Schauen wir mal ob wir was vernünftiges zum Anziehen für dich finden.<< Ein oranges T-Shirt, eine dunkelblaue Jogginghose und ein paar weiße Turnschuhe mit schwarzer Sohle. Alles zwei Nummern zu groß und mindestens aus zweiter Hand. Egal, alles war besser als die mintgrüne Patientenuniform.
>>Sieht doch gar nicht mal so schlecht aus.<< Sagte Miriam, nahm mich an der Hand und führte mich durch das Erdgeschoss des Krankenhauses in den Aufenthaltsraum für Pfleger und Schwestern. Die Flure rochen nach Desinfektionsmitteln und Gummi. Eau de Intensivstation.
Mein Besuch war ein Mann anfang der Dreißiger mit großer Hakennase und unter einer Sonnenbrille versteckten Augen, breite Schultern, harte Gesichtszüge, Hände die so groß waren wie mein ganzer Kopf. Alles an ihm strahlte eine Aura aus die einem einen kalten Schauer über den Nacken laufen ließ.
>>Du bist Gerry?<< Fragte er in einem dumpfen Bariton. Ich nickte verschüchtert. >>Setz dich.<<
Ich hatte keine Ahnung wer der Kerl war oder was er von mir wollte, jedoch tat ich was er verlangte.
>>Mein Name ist Carlos Michael Raydinger. Aber es reicht wenn du mich Ray nennst.<<
>>Okay...Ray.<<
Ray schlug eine Akte auf, ich sah mein Foto auf dem ersten Blatt, daneben eine Tabelle mit Namen, Geburtsdatum und pi pa po. Raydinger blätterte stumm eine Seite nach der anderen um, überflog Gutachten und Einschätzungen die die Seelenklemptner über mich verfasst hatten. Er sah ein paar mal über den Rand seiner Brillengläser und blätterte weiter.
>>Weisst du was die über dich schreiben?<< Fragte er.
>>Nichts Gutes schätze ich.<<
>>Stimmt. Aber diese sogenannten Experten haben von Tuten und Blasen keine Ahnung. Die denken nur weil jemand ´ne schwere Zeit durchmacht und deshalb nicht ständig blöd aus der Wäsche grinst hat er ´nen Dachschaden.<<
Ich zuckte mit den Schultern.
Ray tippte auf einen mit rotem Stift eingekreisten Textabschnit.
>>Dieser Abschnitt hier hat mir sehr gefallen.<< Er räusperte sich und las mir die Zeilen vor.
>>Gerry berichtet über Phasen schwerer Depression, während dieser Phasen verspürt er nach eigener Aussage, den Drang den Menschen die er für seine Traumata verantwortlich macht Schaden zuzufügen. Rachephantasien sind anbetracht dessen, was Gerry in der letzten Zeit erlebt hat nicht ungewöhnlich, jedoch fürchte ich das Gerry diese Phantasien ohne medikamentöse Behandlung und eine langzeitige Therapie in die Tat umsetzt. Abschließend komme ich zu dem Schluss das Gerry eine Gefährdung für sich und seine Umwelt darstellt und empfehle daher eine Unterbringung in einer psychotherapeutischen Einrichtung.<<
So lief also der Hase. Ich war, den Beweis schwarz auf weiss, ein Psychopath. Die Frage war nur was jetzt aus mir werden sollte. Entweder sie schickten mich bis zum Tag an dem die Hölle zufriert in die Klappsmühle oder....
>>Nicht gerade schmeichelhaft.<< Meinte Ray und schlug die Akte zu.
Ich nickte stumm und bereitete mich gedanklich bereits darauf vor in eine Zwangsjacke gesteckt zu werden.
>>Bullshit.<< Sagte Ray und warf einen Blick über die Gläser seiner Brille. >> Drecksäcke, fummeln einem im Hirn wie ´ne 5-Dollar-Nutte an einem besoffenen Freier und bringen dann nichts als Schwachsinn zu Papier. Du kommst mir nicht vor wie ein Irrer.<<
>>Ich bin auch nicht verrückt oder Irre oder hab einen an der Waffel. Ich stell mir einfach nur vor mich an den Mistkerlen zu rächen die meinen Vater aufgehängt haben. Ist das denn so schwer zu kapieren?<<
>>Ich verstehe dich.<< Ray hob die Hände. >>Würde ich in deiner Haut stecken würde es mir ganz genau so gehen. Ich gehe mal davon aus das du noch niemanden umgelegt hast? Mir kannst du es sagen, ich halte dicht.<<
Ich hatte zwar schon ein paar Tote gesehen und stand bei dem einen oder anderen Mord in der ersten Reihe, aber selbst hatte ich noch niemandem aus dem menschlichen Genpool befördert.
>>Dachte ich mir.<< Ray zog zwei sandfarbene Papierumschläge aus den Taschen seiner Jacke und schob sie über den Tisch. >>Pass auf Gerry, ich hab´nen guten ersten Eindruck von dir und nur deswegen habe ich dir beide Umschläge zugeschoben. In einem steckt das Einweisungsformular für das heruntergekommenste, dreckigste und billigste Irrenhaus des ganzen Landes, lebenslange Unterbringung, keine Chance auf Entlassung. Die knallen dich bis unter den Haaransatz mit Beruhigungsmitteln voll und stecken dich bis zum Sankt Nimmerleinstag in eine Gummizelle zu Leuten die noch fertiger sind als Private Lucky.<< Kunstpause damit die Worte ihre Wirkung entfalten konnten. Allein bei der Vorstellung bis zum jüngsten Tag in einer Anstalt zu versauern schlug mir in den Magen wie eine Abrissbirne.
>>In dem anderen Umschlag allerdings steckt eine Vollmacht, von höchster Stelle unterschrieben und garantiert amtlich, das mich dazu berechtigt dich als Rekrut aufzunehmen.<<
>>Rekrut? Sie meinen sowas wie eine Art Lehrling?<<
>>Wenn du so willst. Weisst du Gerry, jemand wie du, ohne Familie, ohne Zuhause und nicht zu vergessen dieses nette Andenkenan deine Verbannung auf der Brust, könnte für jemanden wie mich von Nutzen sein.<<
>>Wie könnte ich Ihnen schon nutzen?<< Fragte ich.
>>Im Moment noch gar nicht.<< Antwortete Ray, zumindest ehrlich. >>Aber mit etwas Training und ein paar Kilo mehr auf den Rippen könnte aus dir werden was du sein willst. Du willst die Schweine töten die deinen Vater gehängt und dich verbrannt haben? Im jetzigen Zustand würdest du keine zehn Meter weit kommen. Wenn du mein Angebot allerdings annimmst verspreche ich, so wahr ich hier sitze, das du alles lernen wirst,was du für deine Rache können musst.<<