Francis biss die Zähne zusammen als eine neue Woge des stechenden Kopfschmerzes durch seine Synapsen brach. Eine Pille zu nehmen war für den Doktor nichts anderes als Feigheit. Er stellte sich den Schmerzen und ertrug sie wie ein Mann. Seit dem Tag an dem dieser schießwütige Speichellecker der ignoranter Banausen der staatlichen Strafverfolgungsbehörden seinen Fuß in Francis´Attelier gesetzt und Seans mühsam besorgten Rohstoff in Fetzen geschossen hatte, quälte eine Migräneattacke nach der anderen den Doktor. Zur Untätigkeit verdammt lag Francis in seinem Bett und wartete darauf das sein nichtsnutziger Assistent endlich mit einer guten Nachricht aus der Stadt zurückkam. Hier, in Saint Judas, im sicheren Schoß kanadischer Anonymität brauchte sich Francis zumindest keine Sorgen darum zu machen das irgendjemand den Rohstoff vermisste. Das Land war unendlich groß und zu dünn besiedelt als das das Verschwinden einer Handvoll namenloser Wanderer auffallen würde. Jedoch brauchte er ein Attelier um endlich wieder an die Arbeit gehen zu können, es lag an ihmn die Welt von seinem überragenden Geist zu überzeugen, doch dafür brauchte er etwas das Francis vorweisen konnte. Wenn er ersteinmal im Fokus der Öffentlichkeit stand würde eine Lawine der Erkenntniss über das Land rollen, Straßen würde man nach ihm benennen, ihm Denkmäler setzen und die Leute würden sich darum prügeln ihm als Rohstoff zur Verfügung zu stehen. Aber eines nach dem anderen. Erst musste Sean eine Werkstadt besorgen, hoffentlich war dieser Tölpel mit einer derart wichtigen Aufgabe nicht überfordert.

Sean erinnerte sich noch schmerzlich an die Strafe die der Doktor ihm auferlegt hatte als er das letzte mal eine Aufgabe nicht zu Francis´ hundertprozentiger Zufriedenheit erfüllt hatte. Auch wenn die Woche seiner Bestrafung bereits vorrüber war hatte der Doktor seit dem kein Werk mehr erschaffen. Es schien als habe Doktor Francis seine Begeisterung für sein Tun verloren. Wenn dem der Fall wäre, was war das Leben dann noch wert? Könnte Sean jetzt noch, nachdem er einem Genie hatte assistieren dürfen, in einer dummen, verderbten Welt leben? Könnte er die Augen vor dem Licht verschließen das Francis ihm gezeigt hatte und wieder in die geistlose, lethargische Dunkelheit zurückkehren? Wohl kaum. Und genau aus diesem Grund musste Sean dafür sorgen das der Doktor so schnell wie möglich zu seiner alten Form zurückfand. Nach stundenlanger Suche, er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben war er jedoch auf einen Ort gestoßen der den hohen Ansprüchen seines Herren genügen würde. Sean war fast versucht zu sagen das eine höhere Macht ihn hierher geführt hatte, in eine verlassene Tierarztpraxis der Geisterstadt Canough.
Im Schein seiner Taschenlampe betrachtete er die immernoch in den Käfigen liegenden Knochen elendig verendeter Tiere um die sich nach Tag X kein Tierarzt mehr gekümmert hatte. Die armen Tiere, ein Opfer für die Kunst. Von den bleichen Knochen abgesehen war die Praxis wirklich ein Gottesgeschenk mit Operationstischen, Leuchtstofflampen, originalverschweißtem chirurgischem Besteck, ganzen Kartons unbenutzter Spritzten aller Form und Größe. Ein wahres Paradies. Disneyland und Charley Wonkers Schokoladenfabrik in einem. Wenn man die Tragweite dieser Entdeckung verstand.
Der Lichtschein seiner Taschenlampe fiel auf einen Metallschrank mit hohen Glastüren an der Wand des Operationssaales, kleine Fläschchen unter einer dicken Staubschicht. Sean leuchtete auf eine der Flaschen und las den Aufdruck. Benzodiazepin- Rohypnol. Das würde die Sache um einiges leichter machen.
>>Rohypnol!<< Kreischte Romulus freudig. >>Wir besorgen uns heute was zum bumsen!<<
>>Das Zeug ist wahrscheinlich gar nicht mehr haltbar. Gar nicht mehr haltbar ist das Zeug wahrscheinlich.<<
>>Fresse Remus! Was weisst du schon über Medikamente?<<
>>Soviel wie du. Wie du soviel. Wir teilen uns ein Bewusstsein. Ein Bewusstsein teilen wir uns.<<
>>Erinner mich nicht daran. Lass es uns versuchen, was kann denn im schlimmsten Fall passieren?<<
>>Das Testobjekt könnte sterben. Sterben könnte das Testobjekt.<<
>>Blödsinn. Das Zeug ist ewig haltbar. Ewig. Ewig. Eeeeeeeeeewig. Wir probieren es einfach aus und wenn wir Glück haben, kriegen wir heute noch was schönes zum spielen.<<
>>Das wird böse nach hinten losgehen. Nach hinten losgehen wird das ganz böse.<<
>>Ääääääh Jungs. Ich denke wir sollten als Erstes den Doktor...<<
>>Schnauze Sean!<< Blaffte Romulus. >>Seit wann hast du hier überhaupt was zu melden?<<
>>Wir sind in seinem Kopf. In seinem Kopf sind wir.<<
>>Hätte ich einen eigenen Körper würde ich euch beide eigenhändig erwürgen.<< Romulus war sauer.
>>Romulus, hättest du einen eigenen Körper hätte man dich schon vor Jahren aufgehängt.<< Erlaubte Sean sich zu bemerken.
>>Das wäre immer noch besser als mir mit euch Säcken einen Körper teilen zu müssen!<<
>>Selbstmord wäre eine Alternative. Eine Alternative wäre Selbstmord.<<
>>Wenn ich an das Höllentor klopfe, nehme ich euch beide mit!<<
Sean war versucht einfach zu gehen, in den Wagen zu steigen und dem Doktor von seiner Entdeckung zu erzählen. Doktor Francis würde Sean loben, ihm auf die Schulter klopfen und ihn nie wieder bestrafen. Die tollsten Belohnungen würde der Assistent dafür bekommen das er dieses Juwel im Dreck des Ödlandes aufgespürt hatte. Andererseits, wann hatte man schon Gelegenheit 36 Jahre altes Benzodiazepin am lebenden Objekt auszuprobieren?