Die Tasse klapperte in Chelseas zitternden Händen auf der Porzelanuntertasse. Es war kein Leben mehr das sie führte, nur eine endlose Aneinanderreihung von Angst und Schrecken. Sie schlief schlecht und traute sich nicht mehr auf die Straße. Chelsea war eine Gefangene der Angst. Vor diesem Tag vor einer Woche war sie eine lebenslustige, abenteuerfreudige und energiegeladene junge Frau mit großem Freundeskreis und vielen Hobbies. Jetzt zuckte sie zusammen wenn es an der Tür klopfte, sie zu öffnen rang ihr unendliche Überwindung ab. Die Angst er könne vor der Tür stehen beherrschte ihren Tagesablauf. Der Feind im Inneren mit dem sie jahrelang Tisch und Bett geteilt hatte. In diesen Jahren war aus dem liebevollen, aufopfernden Mann, der sie nach einem langen Tag mit Blumen und einem schicken Essen überraschte, ein von Trunkenheit und Eifersucht zerfressenes Ungeheuer geworden. Die Wandlung war schleichend, wie Krebs der zwischen gesunden Zellen wucherte bis jede Heilung zu spät war, doch als das Geschwür das Endstadium erreicht hatte war die trauten Zweisamkeit einer Liebe zu bodenlosem Hass verkommen.
Chelsea trank einen Schluck schwachen Zitronentees, lauwarm und mit viel Zucker. Lauwarm um die Nähte die ihre Unterlippe zusammenhielten nicht zu verbrühen. Ronald hatte sie kalt erwischt als sie mit Einkäufen beladen den Schlüssel ins Schloss ihrer Haustür steckte. >>Heute ist dein Glückstag!<< Hatte er gebrüllt und als Chelsea sich erschrocken umdrehte hatte seine Faust sie mitten ins Gesicht getroffen. Die Einkäufe waren auf die Stufen der Eingangstreppe gefallen, Gläser mit Marmelade und Soßen waren zerbrochen und hatten kleine klebrige Flüsse in den grauen Spalten des Gehwegpflasters gezeichnet. Ronald hatte sich nicht einfach nur damit begnügt die Unterlippe seiner Exfreundin zu zerfetzen. Er wollte sie seelisch und körperlich zerstören. Ihren Körper verletzen wie sie sein Ego verletzt hatte. Er wollte das sie Schmerzen litt wie er in den verwirrten Winkeln seines Ehrgefühls Schmerzen litt. Er hatte sie getreten als sie bereits am Boden lag, hatte ihre Hände von ihrem Gesicht gezerrt und ihr seine Stirn auf die Nase gerammt. In diesem Moment war Chelsea sich sicher das Ronald seine Drohungen wahrmachen und sie umbringen würde. Wäre die alte Witwe Baxter nicht gewesen, er hätte es geschafft. Misses Norma Baxter, mit 83 Lebensjahren bereits grau und faltig, aber noch lange kein altes Eisen.
>>Sind Sie im Dienst junger Mann?<< Fragte Norma.
>>Ich wurde bezahlt, also theoretisch schon.<< Gerry achtete darauf die Asche seiner Zigarette nicht auf das sorgsam gewebte Platzdeckchen auf dem Wohnzimmertisch rieseln zu lassen.
>>Oh.<< Misses Baxter öffnette die kleine Minibar ihrer altersschwachen Schrankwand. >>Ich hatte gehofft Sie würden einen mittrinken. Kubanischer Ananasrum, 10 Jahre im Palmenholzfass gelagert.<<
>>Technisch gesehen hatte ich auch noch nie Ananasrum.<< Er drückte seine Marlboro in den Aschenbecher. Misses Baxter goss zwei Whiskygläser ein, reichte eines Gerry und hob ihres zum Toast. Gecko prostete Stumm zurück und trank einen Schluck süßem, fruchtigen Rum der die Geschmacksnerven kitzelte und in der Kehle brannte wie Benzin.
>>Gut oder?<< Fragte die alte Witwe. >>Hilft bei Erkältung und entlockt dem Mund böse Lästerungen.<<
>>Das kann ich mir vorstellen.<< Gerry stellte das Glas auf den Wohnzimmertisch und nahm wahllos einen der umherliegenden Briefe in die Hand. Handgeschrieben, kein Absender, schwarze Zeilen voller Verachtung und Hass auf weißem Papier.

-Du kleine Hure hast keine Ahnung wozu ich fähig bin. Du denkst unsere Beziehung ist vorbei? ICH sage wann etwas vorbei ist, ob Beziehungen oder Leben. Du stehst auf verfickt dünnem Eis und ich bin der Fuß der es zerbrechen wird um dich elendig ersaufen zu sehen. Du denkst nur weil du mit deinen ach so tollen Schlampen durch die Gegend hurst und dich von jedem x-beliebigen Kerl ficken lässt brauchst du mich nicht mehr? DU brauchst MICH nicht mehr?! Du mieses Dreckstück bist erledigt, dein Leben liegt in meinen Händen. Ich kriege dich wann ich will, wo ich will, sooft ich will. Die Tracht Prügel die du kassiert hast war noch gar nichts im Vergleich zu dem was passiert wenn ich dich das nächste mal in die Finger bekomme. Eine kleine Erinnerung daran wem dein jämmerliches beschissenes Leben gehört. Denkst du immernoch das es eine gute Idee war mich zu verlassen, du dreckige Schlampe? Noch hast du die Chance das alles wieder so wird wie früher. Glaub mir, ohne mich hast du keine Zukunft.-

>>Was sagen Sie dazu?<< Chelsea hatte endlich den Mut gefunden zu sprechen.
>>Klingt für mich nach einem erstklassigen Identitätskomplex.<< Gerry kippte den Rest Rum hinunter. >>Arbeitet er?<<
Chelsea traute sich kaum zu nicken, kaum wahrnehmbar sank ihr Kinn einen Millimeter. >>Er ist Portier im Ocean Dream Hotel.<<
Ein Portier, ein Glied im untersten Viertel einer Kette, viel Stress und kaum Anerkennung. Der Nährboden in dem Machtphantasien gedeihten. Ronald war nicht der erste Stalker mit dem Gecko es zu tun hatte, und so wie es aussah würde er auch nicht der Letzte bleiben. Stalkern ging es weniger darum dem Opfer körperlich zu schaden. Viel mehr ging es ihnen darum Macht über jemanden auszuüben. Gewalt war nur ein Mittel um Angst zu erzeugen. Über ein verängstigtes Opfer konnte ein Stalker viel mehr Macht ausüben. Bis sie an jemanden gerieten der ihnen Widerstand entgegen setzte. Sie suchten Opfer, keine Gegner die hauptberuflich Leute gegen Bargeld umbrachten.
>>Werden Sie damit ferig?<< Fragte Norma. >>Dieser Bursche ist ein schlimmer Finger.<<
>>Da machen Sie sich mal keine Sorgen Misses Baxter. Ich wäre nicht hier wenn ich dieses Problem nicht lösen könnte.<<
>>Bitte.<< Chelsea legte ihre Hand auf Gerrys Unterarm. >>Bitte tun Sie ihm nicht weh. Das würde alles nurnoch schlimmer machen. Ronald ist jemand der nicht so schnell vergisst.<<
Gecko hob die Hand. >>Chelsea, zerbrechen Sie sich nicht den Kopf. Ich weiss was ich tue.<<
Meistens jedenfalls.
>>Mein Victor, Gott möge seiner Seele ewige Ruhe schenken, hätte diesem Bastard eines Leichenschänders den Kopf abgerissen und ihn in den Hals gefickt.<<
>>Misses Baxton!<< Gerry staunte nicht schlecht über die alte Witwe.
>>Die erwähnten bösen Lästerungen.<< Feixte die rüstige Dame und schenkte sich nach.

Gerry betrat die Lobby des Ocean Dream Hotels nach einer zwanzigminütigen Geduldsprobe von Straßenverkehr. Zwei Minuten später hatte er drei verschiedene Kellner nach Ronald Sherridan gefragt und war immer an die selbe Person verwiesen worden, einen großen hageren Mann mit lächerlichem rotblondem Kinnbärtchen und Nasenpiercing an der Rezeption. Eine weitere Minute später schlug Geckos Hand auf das kleine silbern glänzende Edelstahlglöckchen auf dem Rezeptionstresen.
>>Willkommen in Ocean Dream Hotel, dem besten Haus in ganz Idaho.<< Ronald lächelte höflich wie es sein Arbeitsvertrag vorschrieb. >>Sie wünschen?<<
>>Ich würde gern ein Zimmer reservieren. Zwei Personen, für eine Nacht.<<
>>Natürlich.<< Ronald öffnete das Reservierungsbuch. >>Ihr Name Sir?<<
>>Konnerly. Gerry Konnerly.<< Das Ziel lag im Visier, die Bombenschächte waren geöffnet, Gecko legte den Daumen auf den Auslöser.
>>Und der Name der zweiten Person?<< Fragte Ronald.
>>Chelsea DeLaure.<< Ausgeklinkt, noch ein paar Sekunden bis zur Detonation.
Ronals sah auf. >>Chelsea DeLaure?<< Fragte er.
>>Genau. Wir sind frisch zusammen und wollen es mal richtig krachen lassen. Sie verstehen schon was ich meine. Essen, eine Show und dann Hampi Pampi bis zum Morgengrauen.<<
Ronald verstand nur zu gut, er umklammerte den Kugelschreiber in seiner Hand. Sieh an, da war er noch gar nicht ganz aus der Tür heraus und diese dreckige Schlampe lachte sich bereits den nächsten Typen an. Und dieser Typ fickte Chelsea. Chelasea die Ronald gehörte.
Ronald beugte sich über den Rezeptionstresen und legte seinen Mund neben Gerrys Ohr. >>Das wirst du bereuen.<< Flüstere er.
Konnerly pfiff durch die Zähne. Ein langanhaltender hoher Ton, ähnlich einem Teekessel.Gerrys Hände schossen nach vorn, seine Finger verschränkten sich über Ronalds Genick und rissen das Gesicht des Rezeptionisten auf das polierte Edelholz des Tresens. KNACK, Ronalds Nasenbein brach zwischen den Augen, Blut spritzte zu beiden Seiten auf die Theke, unbändiger Schmerz stach die Nervenenden des Stalkers.Gecko spannte die Muskeln seiner Arme an, erhöhte den Druck auf Ronalds gesplitterte Nase.
>>Wenn du Chelsea noch ein einziges mal belästigst, wenn du auch nur an sie denkst oder wenn ihr etwas passiert, egal wann, egal was, egal wie, dann komme ich wieder und leg dich um. Kapiert Ronald?<<
>>JA!<< Schrie der Stalker.
>>Glaubst du mir Ronald?<<
>>JA VERDAMMT!<< Ronald versuchte sich mit seinen Händen von der Theke abzustützen doch der grausame Schmerz zog ihm die Kraft aus den Gliedern.
>>Das solltest du auch. Wenn mir zu Ohren kommt das du oder sonstwer Chelsea blöd kommt, wenn sie noch einen Brief bekommt, wenn sie einen Anruf bekommt oder es auch nur ein mal an ihrer Tür klopft, dann bist du dafür verantwortlich und dann stampfe ich dich ein. Das ist keine leere Drohung, das ist ein Versprechen und ich halte meine Versprechen was immer es kosten mag. Du lässt Chelsea in Ruhe oder du endest in einem Dieselfass irgendwo im Nirgendwo. Haben wir uns verstanden?<<
>>JA! JA! ICH HAB VERSTANDEN!<<
Gerry nickte zufrieden und ließ den Nacken des Rezeptionisten los. Ronald bäumte sich auf, blinzelte an seiner Nase vorbei und verlor sich in die süße Erlösung der Bewusstlosigkeit.
Gerry Konnerly, ein hotelgastronomischer Albtraum auf zwei Beinen.