Sahra hatte schwer am ihrem Kreuz zu tragen. Ein Kreuz auf das sie sich selbst genagelt hatte. Schuld waren alle anderen. Ihre Eltern die sie nie beachtet hatten. Ihre Geschwister die mit beiden Beinen im Leben standen. Ihre Lehrer die Sahra schon früh aufgegeben hatten. Alle waren sie schuld daran das Sahra war wie sie war. Fett und ungeformt, kurzatmig und ungepflegt. Ihre Pubertät war der reinste Horror gewesen, Depressionen ihr ständiger Begleiter und das Essen ihr einziger Trost. Und was Sahra alles gegessen hatte. Dreistöckige Heart-Attack-Burger, säckeweise Pommes Frites mit ganzen Tuben Majonaise, Berge von Süßigkeiten, Pizzen von der Größe von Gullydeckeln, Cola aus 5-Liter-Kanistern. Je mehr sie aß, desto wohler fühlte sie sich, zumindest für eine Weile. Dann kam das schlechte Gewissen, die Depressionen, das Essen. Ein nieendenwollender Teufelskreis der dazu geführt hatte das sie jetzt, mit gerade einmal 31 Jahren und einer Körpergröße von einem Meter 55, 132 Kilo auf die Waage brachte. Ihr Gewicht war sowohl ihr Schutzschild als auch ihr Kerker. So sehr sie sich auch einzureden versuchte das sie sich wohl fühlte wie sie war, wusste Sahra innerlich das sie sich etwas vorlog. Sie war nicht glücklich. Sie fühlte sich ekelhaft und abstoßend. Allein und Deprimiert stieg sie aus dem Bus, kalter Nieselregen prasselte ihr ins Gesicht. Sahra spürte die Blicke ihrer Mitmenschen, hörte die hinter vorgehaltener Hand getuschelten Gemeinheiten. Am liebsten hätte Sahra sich umgedreht und sie angeschrien, ihnen in ihre arroganten Fratzen gebrüllt. >>JA! Das ist eine Familienpackung Doughnuts und JA, ich werde sie allein essen!<< Doch Sahra riss sich zusammen und gönnte den Leuten die Genugtuung nicht die fette Frau zum ausrasten gebracht zu haben. Sie waren es doch weswegen Sahra sich in Fressattacken flüchtete. Der Nieselregen weichte langsam die braunen Einkaufstüten in Sahras Armen auf.
>>Hören Sie nicht auf sie.<< Sprach eine Stimme. Sahra drehte sich in die Richtung aus der die Stimme kam. Ein gutaussehender Mann in den spätern Vierzigern sah von der Sitzbank der Bushaltestelle zu ihr auf. Er war groß und atlethisch, ohne Zweifel hatte er bereits die ersten grauen Strähnen, aber das machte ihn nur attraktiver. Er trug einen teuren erdfarbenen Mantel und maßgeschneiderte schwarze Hosen, seine italienischen Kalbslederschuhe glänzten schwarz auf dem nassen Asphalt des Gehweges.
>>Entschuldigung?<< Fragte Sahra. >>Reden Sie mit mir?<< Er nickte. >>Hören Sie nicht auf das Geschwätz der anderen. Sie sind ein wertvoller Mensch.<<
Sahra stand wie vom Donner gerührt neben der Sitzbank. Ein attraktiver Mann sagte ihr das sie wertvoll war? Das musste ein Traum sein. Oder ein schlimmer Scherz.
>>Kennen wir uns?<< Fragte sie misstrauisch.
>>Unter den Maßstäber der heutigen Gesellschaft gesehen fürchte ich das wir uns fremd sind.<<
>>Den heutigen Maßstäben der Gesellschaft?<< Sie zog die Augenbrauen hoch.
Er winkte ab. >>Eine dumme, von falschen Vorstellungen und unrealistischen Idealen pervertierte Gesellschaft.<<
>>Sie reden ziemlich hochgestochen für jemanden der auf einen Bus wartet.<<
>>Gute Umgangsformen sind der Grundstein für ein harmonisches Miteinander.<<
>>Wenn Sie so gute Umgangsformen haben, dann nehmen Sie eine der Tüten bevor mir der Wocheneindeinkauf auf die Füße fällt.<<
Er stand auf, strich seinen Mantel glatt und nahm Sahra eine der schweren Tüten ab bevor der Regen sie entgültig zerfallen ließ. Gemeinsam gingen sie nebeneinander die abendlichen Straßen der Stadt entlang zu Sahras Wohnung, einem quadratischen, anonymen grauen Architekturalbtraum aus aufeinandergesetzten Stahlbetonplatten und von der Fassade bröckelndem weißen Putz.
Er stellte die Tüten auf den Treppenabsatz der Eingangstür. >>Sie sind wertvoll.<< Sagte er und wandte sich zum Gehen.
>>Hey Moment mal!<< Rief Sahra und steckte den Schlüssel ins Schloss. >>Sie sind ja ganz durchnässt. Kommen Sie mit hinein und ich mache uns einen Tee. Dann können Sie mir erklären in welcher Art ich wertvoll bin.<<
Der Mann legte ein Lächeln auf, nahm die Tüte vom Treppenabsatz und hielt Sahra mit der freien Hand die Tür auf. Ein Gentleman der alten Schule.

Der Mann strich mit seinen Fingerspitzen über die Buchstaben des kleinen Holzschildes neben einer nichtssagenden weißen Sperrholztür. Etage 11, Appartment 73 B, Sahra Quentin.
Er trat über die Schwelle. Sahras Wohnung war ein penibel aufgeräumtes 2-Zimmer-Appartment in der jede freie Abstellfläche mit kitschigen kleinen Porzelanfiguren vollgestellt war. Katzen die mit Wollknäuel in den Pfoten auf dem Rücken lagen. Katzen die zum Sprung ansetzten. Katzen die sich die Pfoten leckten. Katzen, Katzen, noch mehr Katzen.
Der Mann war sich der Bedeutung dieser Figuren klar, ganz im Gegenteil zu Sahra. Verschmuste Tiere, filigran und geschmeidig. Keine Fotos von Freunden oder Familie an den Wänden, kein Portrait von Sahra in den Regalen.
>>Setzen Sie sich ruhig ins Wohnzimmer, ich mache uns in der Zwischenzeit einen Tee.<< Schnaufte Sahra die dieses Haus dafür verfluchte das der Aufzug nur bis in den zehnten Stoch fuhr und sie zwang zwei kurze Treppen in die Etage zu nehmen in der sie wohnte.
Sie verschwand in der Küche um ihre Einkäufe zu verstauen.
Der Mann sah sich das Bücherregal neben der durchgelegenen Couch an. Liebesromane, Sammelbände erotischer Kurzgeschichten, Liebesgedichte und ein Bildband mit dem Titel >Die füllige Nymphe. Rubens ausgesuchte Gemälde.< Keine Thriller oder Horrortitel, keine technischen Fachbücher oder Kriegsgeschichten. Kurzum, nichts was einen Mann interessieren würde. Sahra lebte also allein und es gab niemanden der sie allzubald vermissen würde. Perfekt.
>>Wie trinken Sie ihn?<< Riss Sahra den Mann aus den Gedanken.
>>Wie bitte?<< Fragte er.
>>Ihren Tee. Milch? Zucker?<<
>>Weder noch.<<
Sahra betrat ihr Wohnzimmer, stellte das billige Edelstahltablett auf den niedrigen Couchtisch und schenkte wässigen Tee in zwei abgegriffene Kaffeetassen.
>>Sahra Quentin.<< Sagte sie und streckte ihre fleischige Hand aus.
>>Francis. Quentin Francis.<< Sagte der Mann und sie schüttelten einander die Hände.
>>Also, Quentin Francis, was sagen Sie zu meiner kleinen Festung der Einsamkeit?<<
>>Sie verrät mir einiges über Sie Sahra.<<
>>Zum Beispiel?<< Sahra trank einen Schluck Wildfruchttee.
>>Die Katzen zum Beispiel.<< Francis zeigte auf eines der Regale, Sahra drehte sich instinktiv um. >>Was ist mit den Katzen?<<
>>Ein Symbol, etwas womit Sie sich identifizieren, oder vielmehr identifizieren möchten. Agile Tiere, geschmeidig und anmutig. Man möchte fast sagen Stilvoll. Wären sie ein normaler Katzenfreund würden hier zehn, zwanzig oder vielleicht dreißig dieser Figuren stehen, nicht hunderte. Aber Sie sind eine regelrechte Katzenfanatikerin. So sehr sie Katzen auch mögen haben Sie keine eigene, wahrscheinlich weil Sie allergisch sind. Es muss schwer sein etwas so sehr zu bewundern und es dennoch nicht besitzen zu können.<<
Sahra fühlte sich wie ein offenes Buch in dem der Fremde eine Seite aufgeschlagen hatte und vorlas als würde er die Geschichte bereits kennen. >>Und was noch?<< Fragte sie trotzig.
>>Sie sind eine Träumerin Sahra. Neben ihrer Couch steht ein Regal voller erotischer Geschichten, kein plumper Schund oder gar Pornographie, und ihre Couch ist durchgelegen. Ich denke das Sie, wenn Sie in den Büchern lesen beginnen Sie zu träumen, sich in die Protagonistin einzufühlen. Hübsch, begehrenswert, sexuell abenteuerlustig. Sie wären gern genauso selbstbewusst und attraktiv, fühlen sich aber unansehnlich.
Sie haben keinen Fernseher obwohl Sie sich einen leisten könnten. Die Katzenfiguren stammen nicht aus kommerziellen Fabriken, eher sind es Einzelstücke die Sie auf Flohmärkten und in Raritätengeschäften gekauft haben. Das Stück für einen Dollar oder zwei. Grob geschätzt haben Sie etwa 500 Dollar in den Regalen stehen. Ich denke das sie aus dem Grund keinen haben, weil Sie es leid sind all die perfekten Menschen in den Seifenopern um ihren Erfolg und ihre Affären zu beneiden.<<
>>Besonders schlimm sind die Werbespots für Bier oder Duschgel.<< Gestand Sahra. >>All diese jungen, gutgebauten sonnengebräunten Menschen in ihren knappen Badehosen und winzigen Bikinis. Auf jedem Kanal sieht man nur schlanke Frauen in den tollsten Kleidern die mit heißblütigen reichen attraktiven Männern flirten und bekommen was sie wollen weil sie eben jung und attraktiv sind.<<
>>Das gibt Ihnen das Gefühl weniger wert zu sein. Sie fühlen sich als Versager weil Ihnen die Männer nicht in Scharen hinterhrlaufen und Sie sich ihre Erfolge ehrlich erarbeiten müssen.<<
>>Erfolge?<< Lachte Sahra und warf den Kopf in den Nacken. >>Ich arbeite als Teilzeitkraft für einen Telefonservice. Ich verlasse meine Wohnung nur von Mittwochmorgen bis Freitagabend und das auch nur weil sich die Firma weigert mir einen Heimarbeitsplatz einzurichten.<<
Francis nahm Sahras Hände in seine. Ihr Herz schlug schneller, noch nie hatte ein Mann sie so berührt, entschlossen aber auch sanft.
>>Sahra.<< Hauchte er und sah ihr tief in die Augen. >>Sie sind ein wunderschöner, wertvoller Mensch. Tief in Ihrem Innern wissen Sie das, aber sie haben Angst sich zu zeigen. Ich kann Ihnen helfen jemand zu werden den alle Männer begehren und alle Frauen beneiden. Glauben Sie mir Sahra, ich kann dafür sorgen das sie so schön werden wie sie innerlich sind.<<
Sahra trank einen Schluck Tee, Francis sah ihr immernoch tief in die Augen als könne er in ihre Seele blicken.
>>Sind Sie Schönheitschirurg? Ich habe nicht viel Geld.<<
>>Geld bedeutet mir nichts Sahra. Davon habe ich genug. Ich möchte ihnen einfach nur helfen.<<
>>Sie haben meine Frage nicht beantwortet Quentin. Sind sie Schönheitschirurg?<<
>>Mann kann mit Recht behaupten das ich ein wahrer Künstler bin.<<