Ray holte mich persönlich aus dem Krankenhaus ab. Er fuhr einen alten Ford Pick Up mit großen Reifen und brüllendem Motor, Das Auto war so lächerlich hoch das ich eine Leiter brauchte um auf den Beifahrersitz zu klettern. Auf dem Amaturenbrett lagen eine halbe Stange Zigaretten, auf dem Boden rollten zertretene Bierdosen und am Wagenhimmel hing eine, mit Lederriemen festgezurrte und bis zum Äußersten zusammengekürzte, Kalaschnikow. >>Für die Jagd.<< Erklärte er. >>Die Jagd?<< Fragte ich. >>Ratten.<< Antwortete er. Ich stellte mir die Frage wie groß die Ratten in Ohio wären das man sie mit einem Sturmgewehr jagen muss.
Wir fuhren eine halbe Stunde zu einem mittelmäßigen Diner in Burning Hills, einer heruntergekommenen Containersiedlung die um einen verlassenen Schrottplatz errichtet wurde.
Ray und ich setzten uns an einen Tisch am Fenster und studierten die Speisekarte. Ray entschied sich für Spare Ribs, ich wählte die Waffeln (es ist fast unmöglich Waffeln zu versauen).
>>Wie geht´s dir Gerry? Fühlst du dich fit?<< Fragte Ray.
>>Ich denke schon. Aber ich frage mich was Sie mit mir vorhaben.<<
>>Wie gesagt, du willst Rache für deinen Vater. Du willst die Kerle tot sehen die ihn gehängt und dich verbrannt haben. Ich gebe dir die Möglichkeit zu lernen was du können musst um deine Rache zu bekommen. Alles was ich von dir will sind vier Jahre deines Lebens.<<
>>Wie meinen Sie das?<< Das Essen kam und ich verschmeirte Schlagsahne auf meinen Waffeln.
>>Vier Jahre deines Lebens. Du bekommst eine ordentliche Ausbildung, Unterkunft, Essen soviel du willst, Waffen in rauhen Mengen und was du sonst noch haben willst.<<
>>Das machen Sie doch nicht umsonst, irgendwo ist da doch ein Haken an der Sache.<< Ich hatte mich geirrt, die Waffeln waren grauenhaft.
>>Cleveres Kerlchen.<< Ray wischte sich die Finger an der Serviette ab. >>Natürlich verlange ich dafür auch einiges von dir. Als erstes will ich das du diese Tabelette schluckst.<< Er schob mir eine runde weiße Pille über den Tisch.
>>Was ist das?<< Fragte ich.
>>Nimm es einfach.<< Raunte er mich an. Ich warf die Pille ein und spülte sie mit einem kräftigen Schluck Wasser hinunter.
>>Warhammer.<< Erklärte Ray. >>Nimmt Angst, Hunger, Kälte und Schmerzen. Außerdem betzäubt es die natürlichen Hemmungen.<<
>>Sie haben mich unter Drogen gesetzt?!<< Entfuhr es mir.
>>Ganz genau.<< Ray biss in seine Rippchen und gab mir eine braune Papiertüte. Ich sah hinein und erkannte die beiden Knarren die ich im Maisfeld ausgegraben hatte. Einen Colt 1911 und eine altersschwache Browning High Power.
>>Siehst du die Telefonzelle auf der anderen Straßenseite?<< Fragte Ray. Ich sah unauffällig über seine Schulter und tatsächlich, neben einem Hauseingang stand eine alte, marode Telefonzelle.
>>In drei Minuten kommt ein Mann aus dem Haus um zu telefonieren. Das ist deine Chance zu beweisen das du es ernst meinst mit deiner Rache.<<
>>Wollen Sie das ich ihn zusammenschlage?<< Bei meiner Körpergroße und Kraft ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben.
>>Nein.<< Ray sprach mit vollem Mund. >>Ich will das du ihn umlegst.<<
Ich saß da wie vom Bus überfahren. >>Ich soll was?<<
>>Knall ihn ab. Die Knarren sind geladen und entsichert, du musst nurnoch abdrücken.<<
>>Ich hab noch nie ´ne Knarre abgefeuert.<< Warf ich ein.
>>Schwimmen lernt man im Wasser.<< Gähnte er. >>Wenn du niemanden umlegen kannst der dir vollkommen fremd ist, wie willst du dann jemanden töten den du kennst?<<
>>Ich...ich...keine Ahnung ob ich das kann Ray.<<
>>Hör zu.<< Er sah mir tief in die Augen und der Tonfall seiner Stimme ließ keinen Zweifel das er es ernst meinte. >>Entweder du nietest den Kerl um oder ich zerreisse deine Rekrutierung und bringe dich direkt in die Klappsmühle. Du hast die Wahl.<<
Ja klasse, die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich steckte die beiden Knarren in meinen Hosenbund und stand vom Tisch auf. Mir drehte sich alles und der Weg auf die andere Straßenseite war unendlich lang. Kaum hatte ich meinen Füß auf den Gehweg gesetzt als auch schon die Tür aufging und ein großer, breitschultriger Kerl ins Freie trat. Er sah mich kurz an, drehte sich um und ging in die Telefonzelle. Ich warf einen Blick durch das Fenster des Diner und sah das Ray mich beobachtete, er wedele mit dem Rekrutierungsschein um mir klar zu machen wohin ich gehen würde wenn ich nicht tat was er verlangte. Meine Hände zitterten und kalter Schweiß rann meinen Rücken herunter. Ich kannte diesen Typen nicht. Es war falsch jemanden umzubringen der mir nichts getan hatte. Warum? Wieso? Weshalb gerade ich.
Ich warf noch einen Blick ins Diner. Ray schüttelte enttäuscht den Kopf und begann, ganz langsam und geradezu theatralisch den Rekrutierungszettel zu zerreissen. Als er etwa bei der Hälfte angekommen war, zog ich beide Pistolen, hob die Mündungen auf die Telefonzelle, schloss die Augen und drückte ab. Bei jedem Schuss wurde ich durchgeschüttelt, meine Handgelenke wurden nach oben gerissen und ich spührte die Erschütterungen bis in meinen Bauch. Irgendwann zog ich die Abzüge und ein leeres Klicken ertönte. Die Magazine waren leer. Ich öffnette die Augen. Die Scheiben der Telefonzelle waren von kleinen Löchern und roten Blutspritzern übersäht. Als ich näher herantrat um mir anzusehen was ich getan hatte fühlte ich mich als wäre ich um hundert Jahre gealternt. Vom Gesicht des Kerl was nurnoch roter Brei übrig geblieben, einer seiner Arme hing nurnoch am saidenen Faden, sein Unterkiefer war verschwunden. Ich wankte zurück ins Diner, stürmte auf die Toilette und kotzte ausgiebig mieserable, halb verdaute, Waffeln.
Als ich wieder an den Tisch wankte nahm Ray mir die beiden Knarren ab. Nickte widerwillig und legte seine Pranke auf meine Schulter. >>Das erste Mal ist immer am schwersten.<<
Ich war total durch den Wind.
>>Lass uns abhauen bevor noch jemand die Bullen ruft.<< Sagte Ray und zahlte.
Ich hatte jemanden umgebracht. Richtiggehend in Fetzen geschossen und fühlte mich hundeelend. Komischerweise, ich war selbst überrascht, verschwand dieses miese Gefühl schon bald wieder. Vielleicht erinnere ich mich auch einfach nicht mehr daran wie lange es anhielt. Das war mein erster Mord und es sollten noch einige folgen.