Das Telefon riss Gerry aus dem Schlaf. Blind tastete er in der Dunkelheit nach dem Höhrer. 2Uhr 30, viel zu früh für so ziemlich alles.
>>Hmmmmm?<< Knurrte er in den Höhrer.
>>Gerry?<< Frage eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Es dauerte einen Moment bis Konnerly der Stimme ein Gesicht zuordnen konnte. Nadine. Wie lang war es her das er zuletzt mit ihr gesprochen hatte? Ein paar Monate mussten es mindestens gewesen sein.
>>Nadine?<< Gähnte er zugleich verwundert aber freudig überrascht. >>Bist du´s?<<
>>Ja. Wo steckst du gerade?<< Ihre Stimme klang angsterfüllt und gehetzt.
>>Zu Hause, es ist halb drei Uhr morgens. Was ist denn los?<<
>>Kannst du mir einen Gefallen tun? Ich bin im Sinfull Inferno am Flughafen. Weisst du wo das ist?<<
>>Klar.<<
>>Kannst du mich abholen? Ich will hier weg, so schnell wie möglich.<< Ihrer Stimme nach zu urteilen stand Nadine das Wasser bis zum Hals. >>Ich kenne sonst niemanden den ich fragen kann. Bitte Gerry.<<
Konnerly ging im Gedanken die Strecke bis zum Fluhafen durch. Am Tag wäre er eine halbe Stunde unterwegs. Jetzt, mitten in der Nacht, würde er zehn, vielleicht fünfzehn, Minuten brauchen.
>>Wo finde ich dich?<< Fragte er müde und rieb sich die Augen.
>>Suite 11.<<
>>Bin unterwegs. Okay?<<
>>Okay, bitte beeil dich.<<
>>Könnte es Ärger geben?<< Fragte er und zündete sich eine Zigarette an.
>>Möglicherweise. Ist das ein Problem?<<
>>Kein Problem.<< Er stieß den Rauch aus den Nasenlöchern.

Es hatte nicht viele Frauen in Gerrys Leben gegeben und mit keiner von Ihnen war er über die Kennenlernphase hinausgekommen. Schuld daran waren entweder Konnerlys Alkoholkonsum, sein Job oder die mangelnde Erfahrung die er mit Frauen hatte. Nikki war als erste an ihm interessiert gewesen. Sie hatten oft lange miteinander Telefoniert, ganz zwanglos über Themen wie Arbeit, Geld, Hobbies und sogar Sex geredet. Eines Abends, Nikki hatte ihn angerufen, war Gerry schon ziemlich angetrunken und als Nikki ihn fragte ob er sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen könne hatte er freiheraus geantwortet das das nicht der Fall war. Das eher der Whisky aus ihm sprach als sein Verstand macht die Sache nicht besser. Zwei Wochen lang hatten sie nicht miteinander geredet und sich nicht gesehen. Als dann das Telefon wieder klingelte und er sie zum Scherz fragte ob sie in der Zwischenzeit einen Freund gefunden hätte, lautete ihre Antwort ja. Dieses Wort hatte Konnerly getroffen wie ein Tritt in die Eier und er kurierte sein gebrochenes Herz drei Monate lang mit einer ungesunden Mischung aus Wut, Ärger, Trauer, Selbstvorwürfen und Dosenbier zum Frühstück.
Steffany, hatte den Kontakt zu Gerry abreissen lassen als sie Zeuge wurde wie Gerry einem Mann den Fuß brach weil er ihr auf die Füße getreten war als sie aus dem Kino kamen. Der Mann hatte sich nicht entschuldigt und als Gerry ihn darauf ansprach zeigte ihm der Mann den Mittelfinger und sagte Konnerly solle sich verpissen. Gerry hatte sich hingekniet um seine Schuhe zuzubinden, das Fußgelenk des Mannes gegriffen, ihn von den Beinen gerissen und den Fuß mit einer einzigen flüssigen Bewegung um 180 Grad verdreht Steffany war von diesem Schauspiel derart entsetzt das sie sich ohne weitere Worte in ein Taxi stieg und Gerry vor dem Kino stehen ließ um nie wieder ein Wort mit ihm zu wechseln. Wieder kurierte sich Konnerly selbst drei Monate lang.
Nach einer langen Pause hatte Konnerly dann Nadine in einem Waffengeschäft kennengelernt und sie beim Kauf einer kompakten 9mm Automatik beraten. Sie lud ihn auf eine Party ein und erwähnte beiläufig das ein Mann in ihren Augen erst dann ein echter Kerl war wenn er gelegentlich einen über den Durst trank solange er dann nicht gewalttätig wurde und im Bett nicht versagte. Gerry nahm diese Aussage zum Anlass um eine Flasche Jim Beam in drei großen Schlucken zu kippen und nach nicht ganz einer Stunde zu beweisen das er multitaskingfähig war und gleichzeitig pissen, kotzen und sich an einem Straßenschild festhalten konnte. Als er am nächsten Morgen auf einer Parkbank aufwachte und sich ehrlich fragte wo er war und wie er dorthinkam wusste er bereits das er seine wohl einzige Chance bei Nadine in einer Brühe aus Magensäure und Burbon das Klo heruntergespühlt hatte. Wieder erholte sich Gerry auf die bewährte Methode, ließ allerdings seit diesem Abend die Finger von Whisky.Totzem trafen sie sich noch dann und wann um einen Kaffee zu trinken oder gemeinsam auf ein Konzert zu gehen oder, wie in diesem Fall, wenn Nadine ein Problem hatte das nach einer schnellen und effektiven Lösung schrie. Einer Vollmetalllösung. Einer Full Metal Solution.

Gerry schaffte die Strecke zum Flughafen in etwas mehr als acht Minuten wobei er die zulässige Höchstgeschwindigkeit um knappe 60 Meilen pro Stunde überschritt, rote Ampeln ignorierte und die Hand nur von der Hupe nahm um durch die Gänge des Suburban zu schalten.
Er parkte gegenüber der Neonreklame des Sinfull Inferno, blaue Flammen die das Höllenfeuer darstellen sollten und große rote Buchstaben. Konnerly war schon ein paar mal hier vorbeigefahren war aber noch nie hineingegangen. Er stellte sich die Frage was ihn drinnen wohl erwarten würde. Ein Club? Ein Bordell? Eine Lounge?
Er öffnette die Heckklappe des Suburban, zog die schwere grüne Metallkiste an sich heran und öffnette den Deckel. Nadine hatte gesagt das es möglicherweise Ärger geben konnte, was für Gerry überhaupt kein Problem war, Probleme zu lösen war sein Job, doch wenn es schon kämpfen musste, dann wollte er auch verdammt nochmal gewinnen. Er streifte ein Paar fingerlose Handschuhe über deren Handrücken mit Quarzsand gefüllt waren, schob ein Springmesser in die rechte Gesäßtasche seiner dreckigen tarngemusterten Cargohose und steckte einen kurzläufigen 44er Revolver unter sein T-Shirt, dazu seine Beretta 93R im abgewetzten Lederhalfter unter seiner linken Schulter.
So für alle Fälle gerüstet stieg er die drei Steintreppenstufen zum Eingang hinauf und schob die Tür des Sinfull Inferno auf.
Gedämpfte Musik, schummeriges blaues Licht und der unverkennbare Puffgeruch nach billigem Parfüm, Zigarettenrauch und Räucherstäbchen. Er riss eine zweite Tür auf und stand in der Lounge, einem quadratischen Bau mit hoher Decke, einer Bar und dunklen Sofas an den Wänden. Der Raum war gerammelt voll, Gerry schätzte die Anzahl der Gäste auf mindestens 200. Sie trugen billige Masken die nur die Augen verhüllten, ein paar Männer hatten ihre Köpfe in schwarze Latexhauben gesteckt die nur Mund und Nase freiließen. Frauen die ihre besten Tage bereits lange durchlebt hatten trugen Netzstrümpfe und hochhackige Lederstiefel, ihre faltigen Titten baumelnten schlaff über ihren Bauchnäbeln. Gerry schüttelte sich angeekelt beim Anblick dieser reizenden Gemeinschaft. Er gehörte nicht hierher und er wollte keine Sekunde länger zwischen lauter alten, faltigen und hässlichen Lederfetischisten verbringen als unbedingt nötig. Er schob sich durch die Menge an die Bar an der eine Frau Gläser putzte die eindeutig in dieses Szenario passte. Sie war mindestens 50, ein Meter 40 groß, ein Meter 60 breit und trug ebenfalls eine dieser lächerlichen Masken mit glitzernden Pappsternchen über den Augen. Doch selbst die Maske konnte nicht vertuschen das sie hässlich war wie die Nacht, mit einer groben Knollennase, glubschigen Fischaugen, schiefen Zähnen und dem leichten Ansatz eines Schnurrbartes. Alles in allem sah sie aus wie ein rasierter Schimpanse.
>>Kann ich dir helfen?<< Fragte Sie den ungläubig aus der Wäsche blickenden Konnerly.
>>Ich suche Suite 11.<<
Sie hob die Augenbrauen. >>Ist gerade belegt. Du musst entweder warten oder dir ein anderes Zimmer aussuchen.<<
>>Ich weiss das die Suite belegt ist, deswegen bin ich hier. Ich will jemanden abholen.<<
>>Tut mir Leid.<< Sie kippte einen doppelten Wodka. >>Wenn jemand auf den Zimmern ist darf niemand stören.<<
>>Ich will auch niemanden stören, sondern eine Freundin abholen.<<
>>Bedaure.<< Die Barkeepering kippte noch einen Wodka. >>Niemand darf Suiten betreten die bereits belegt sind. Du wirst wohl warten müssen.<<
Gerry knirschte mit den Zähnen. Das erste Anzeichen besser in Deckung zu gehen oder ihm zu sagen was er wissen wollte.
>>Pass mal auf du Topmodel.<< Der ernste Tonfall seiner Stimme machte klar das Konnerly nicht scherzte. >>Entweder du sagst mir jetzt sofort wo diese beschissene Suite ist oder ich fange an hier wahllos aber gezielt auf Menschen zu schießen. Kapiert?<<
Sie nickte erschrocken. Kein Zweifel, er meinte es ernst.
>>Also. Um die Höflichkeiten unserer Plauderei zuende zu bringen. Wo. Ist. Diese. Verdammte. Suite?<<
>>Die...die Treppe rauf. Die Zimmer sind nummeriert.<<
>>Na also.<< Gerry lächelte. >>Geht doch.<<