Manchmal, auch wenn es selten vorkam, war Francis froh darüber Sean zu haben. Wenn der Assistent einmal vom Tatendrank gepackt wurde, entwickelte er schier übermenschliche Kräfte. Er hatte Sahras bewusstlosen Körper angehoben und über seine Schultern geworfen als wäre sie ein Kissen. Ohne Probleme hatte Sean ihren schweren Leib die Treppen zum Aufzug hinuntergetragen und genauso mühelos hatte er sie auf die Ladefläche des, von ihm selbst besorgten, Lieferwagen gelegt. Sean war den ganzen Weg bis zur alten Tierklinik in Canough gefahren ohne auch nur einmal zu stöhnen oder zu ächzen und ohne zu murren hatte er Sahra in den Operationssaal getragen und auf dem Tisch festgeschnallt. Francis war, wenn schon nicht beeindruckt, doch zufrieden mit seinem Handlanger. Er hatte seine Sache gut gemacht, sehr gut sogar. Angefangen bei ihrem neuen Attelier über das Rohypnol bis hin zu Sahra. Aus diesem Grund gestattete Francis Sean auch ihm bei seinem neuesten Werk zu helfen. In der Hauptrolle Sahra Quentin.
Sean beobachtete fasziniert mit welcher Geduld der Doktor die Klinge des Skalpells durch Sahras zappelndes und windendes Fleisch führte, mit welcher Gelassenheit er ihre markerschütternden Schreie und die wüsten Beschimpfungen hinnahm. Ihre Ignoranz sich einzugestehen das sie im Begriff war sich zu etwas atemberaubend schönem zu verwandeln.
>>Meine Fresse!<< Murrte Romulus. >>Stopf der fetten Kuh ´ne Kartoffel rein. Und danach verpass ihr ´nen Knebel.<<
>>Das ist eine schlechte Idee. Eine schlechte Idee ist das. Sie könnte ersticken. Ersticken könnte sie.<<
>>Sie würde das Ding wohl eher runterschlucken und einen Nachschlag verlangen. Bäääääääh die ist so... fett.<<
>>Du bist gemein. Gemein bist du.<<
>>Ich bin nur ehrich. Oder Sean? Ist sie fett oder nicht?<<
>>Egal was sie im Moment ist.<< Sean nahm dem Doktor das Skalpell ab und reichte ihm einen Karton chirurgischer Drähte. >>Der Doktor macht sie wundervoll.<<
Francis öffnete den Karton, nahm einen der Drähte und hielt ihn ins grelle Licht der Neonlampe. Mit einer Zange zerlegte der Doktor den Draht in sechs exakt gleichgroße Stücke.
>>Francis ist echt ein eiskalter Mistkerl. Ich meine, seht euch das an. Er schneidet ihr die Wampe auf und erzählt ihr nebenbei auchnoch was er tut und warum. Echt kalt der Typ.<<
>>Sprich nicht so über den Doktor, Romulus. Doktor Francis ist ein genialer Visionär und bald schon werden die dummen Massen das auch erkennen.<<
>>Ist trotzdem ein eiskalter Kerl.<<
>>Du bist ja nur neidisch. Nur neidisch bist du ja.<<
>>Halt dein ranziges Maul Remus. Solange niemand die Null wählt, hällst du besser die Fresse oder es kracht.<<
Freudig betrachtete Sean wie Doktor Francis die Drahtstücke zwischen Sahras Fingerknöchel trieb. Sie hatte bereits erkannt das er einem Gott gleichkam. Es waren ihre eigenen Worte. Oh Gott bitte nicht, nein Gott nein, gütiger Gott höhren Sie auf.
>>Ob wir mit den Resten spielen dürfen?<< Fragte Romulus.
>>Die Chancen stehen gut. Gut stehen die Chancen.<<
>>Wir nehmen was der Doktor uns gibt. Nicht mehr. Und wir warten bis der Doktor fertig ist.<<
>>Oh.<< Romulus klang überrascht. >>Sean hat auch eine Meinung dazu. Sean, seit wann hast du denn die Eier dich zu Wort zu melden.<<
>>Er wird erwachsen. Erwachsen wird er. Er lässt sich deine Gemeinheiten nicht mehr bieten. Nicht mehr bieten lässt er sich deine Gemeinheiten.<<
>>Remus? Du auch noch? Was ist denn heute los? Aufstand der Gartenzwerge?<<
>>Sei nicht so herablassend, immerhin müssen wir miteinander aus....<<
>>SEAN!<< Der Assistent zuckte zusammen. Er sah den Doktor fragend an. >>Das Phormaldehyd!<< Befahl Francis. Sean gab ihm eine große braune Glasflasche und eine Rolle stiriler Infusionsschläuche.
>>Willst du mir nicht helfen?<< Fragte der Doktor und schob Schlauchstücke zusammen. >>Dann kannst du auch rausgehen und das Auto verschwinden lassen.<<
>>Nein Doktor. Entschuldigen Sie bitte. Ich bin nur etwas im Gedanken versunken.<<
>>Deine Tagträumerei stöhrt meine Konzentration. Reiss dich gefälligst zusammen.<<
>>Ja Doktor, verzeihen Sie bitte.<<
Francis nickte. Zweifellos hatte Sean sich Mühe gegeben diese wunderbare Werkstadt zu finden und er hatte sich mit Sahra Mühe gegeben. Für gewöhnlich würde er seinen Assistenten schwer dafür bestrafen sich nicht auf seine Aufgabe zu konzentrieren, aber dieses eine mal sollte Gnade vor Recht ergehen. Wie heisst es doch so schön, Ausnahmen bestätigen die Regel.
>>Entschuldigen Sie bitte.<< Wandte sich Francis an die sich windende, bitterlich weinende Sahra. >>Wo waren wir stehen geblieben?<<