Gerrys Wohnung war ein kleines, für seine Verhältnisse recht gut aufgeräumtes, Dachgeschossappartment im vierten Stock des Hauses in dem auch sein Büro untergebracht war. Wenn man es betrat stand man in einem winzigen quadratischen Flur, geradeaus befand sich das kleine Badezimmer mit Toilette und Duschkabine, vom Flur aus führte eine Tür in die langgezogene schmale Durchgangsküche von der aus man auf den kleinen Balkon und ins Wohnzimmer kam.
>>Wie ich sehe beherzigst du meinen Rat.<< Staunte Nadine, die ihm bei ihrem ersten Besuch nahegelegt hatte von Zeit zu Zeit aufzuräumen bevor ihm das Chaos über den Kopf wuchs.
>>So gut es eben geht.<< Sagte er, legte seine Schlüssel auf die Arbeitsplatte der Küche und öffnette den Kühlschrank. Tiefkühlgerichte, Colaflaschen und ein eigenes Fach nur für Blue Bizon Premium. Nichts was man abwaschen musste. >>Willst du ein Glas?<<
>>Dose ist okay.<< Sagte Nadine und setzte sich auf die dunkelblaue Klappcouch im Wohnzimmer die gleichzeitig Geckos Sofa, Bett, Werkstatt und Ausnüchterungszelle darstellte.
Das Wohnzimmer war klein, länger als breit und mit billigen, nicht mehr ganz neuen, Möbeln ausgestattet. Vor der Couch stand ein niedriger billiger Tisch mit fleckiger, zerkratzter Platte, an der Wand eine helle Sperrholzschrankwand, zwischen den hohen Schränken stand der Fernseher, daneben ein niedriges Regal in dem auf drei Etagen Fachbücher und abgegriffene Thriller darauf warteten gelesen zu werden. Rechts neben der Wohnzimmertür belastete ein breiter, hoher Stahlschrank das billige Parkett des unebenen Fußbodens, an den Fenstern befand sich Gerrys chaotischer Schreibtisch auf dem sich Akten und halbleere Zigarettenschachteln türmten. Über der Couch hing, als einziger Dekorationsartikel, eine verblasste Fanartikelflagge der Band Hatebreed.
>>Hast du mal darüber nachgedacht dir ein richtiges Bett zu kaufen?<< Fragte Nadine.
>>Kein Platz.<< Gerry zuckte mit den Schultern und gab ihr eine Dose Blue Bizon.
Sie trank einen Schluck und warf einen Blick auf seine Bücher, das oberste der niedrigen Regale stand voller Fachbücher über Waffen, Sprengstoff, Munition, Militärfahrzeuge, psychologische Kriegsführung und menschliche Anatomie. Die Regale darunter waren vollgestopft mit Thrillern aus der Zeit vor Tag X. Keith Ablow, Jonathan Nasaw, Lee Child und Tom Rob Smith.
>>Komische Zusammenstellung.<< Bemerkte Nadine. >>Oben Bücher über Knarren und gleich darunter Thriller.<<
>>Wenn ich unterwegs bin kann ich meinen Fernseher nicht mitnehmen und irgendwie muss man sich in der Freizeit ja beschäftigen.<< Konnerly schloss den Stahlschrank auf und legte seine Waffen hinein.
Nadine nickte stumm. Gerry ließ sich neben ihr auf die Couch sinken.
>>Also.<< Sagte er nach einem ausgiebigen Schluck Bier. >>Was war das vorhin für ´ne Nummer? Wer war der Kerl? Dein Freund?<< Unwillkührlich, ohne das er es großartig bemerkte, pressten Gerrys Finger fest um das kalte Blech der Dose.
Nadine schüttelte den Kopf. >>Das ist eine lange Geschichte.<< Schob sie nach.
>>Ich hab Zeit.<< Und um 3 Uhr 15 am Morgen ohnehin nichts besseres zu tun.
>>Er ist Lehrer für Englisch und Literatur. Wir kennen uns aus dem Buchladen in der Washington Ecke Clover, du weisst schon, dem Laden mit dieser abgetrennten Sitzecke und der Kaffeebar.<<
>>Kenn ich, daneben ist Captain Jennings Waffengeschäft.<<
>>Genau. Wie du dich vielleicht erinnerst habe ich einen Fable für Literatur und Gedichte.<<
>>Shakespere, Yeats und... wie heisst der andere noch?<< Fragte Konnerly
>>Poe. Jedenfalls stehe ich vor etwa vier Monaten an den Regalen mit den Neuauflagen und lese dieses wunderbare Sonet vom alten William Shakespere, bin richtig im Gedanken versunken und vergesse die Welt um mich herum. Kannst du mir folgen? Totale Begeisterung, Blackout.<<
>>Sowas passiert mir jedesmal wenn ich neue Gewehre bekomme.<<
>>Nein...ja...so in etwa. Ich stehe also mit diesem scheiss tonnenschweren Buch in den Händen am Regal und lese. Zehn Minuten oder eine Viertelstunde oder so um den Dreh. Da ertönt eine Stimme hinter mir und zitiert aus dem Gedicht Allein von Eddi Allen.<<
>>Allein?<< Fragte Gerry. >>Kenn ich nicht.<<
Nadine schloss die Augen. >>Von klein an ging ich eig´ne Bahn´. Ich sah nicht so wie andere sah´n.
Was mich ergriff zu Lust und Pein, das musste ungewöhnlich sein. Ich schöpfte Leid aus ander´m Quell, und klang mein Herz in Freude hell. War´s Klang, den nie ein andres gibt, ich liebte was nur ich geliebt.<<
Worte. Nichts als Worte. Gerry verstand den Sinn hinter diesem, oder sonst irgendeinem, Gedicht nicht. Nicht das er dumm war, allerdings war er auch nie auf eine Schule gegangen.
Stumm nippte er an seinem Bier. >>Und wie ging es weiter?<<
>>Ich drehe mich also um und sage ihm das das Gedicht schön vorgetragen war, allerdings vom falschen Autor und zeige ihm Bill Shakesperes Namen auf dem Buch. Er sagt das Shakespere nicht die angemessene Literatur für eine junge Dame wäre. Zuviel Sex. Klar weiss ich das es bein Bill Shakespere um Sex geht, ich bin ja nicht doof. Nur um ihn auf die Probe zu stellen frage ich also was er damit meint. Er nimmt mir das Buch aus der Hand, blättert etwas darin herum und erklärt mir in welchem Verhältniss geschwollene Lenden zu wobenden Brüsten stehen, erklärt mir was Shakespere das Tier mit zwei Rücken nannte. Vollkommene sexuelle Verschmelzung, die Partner sind so ineinander verschlungen das sie aufhören als Individuen zu existieren sondern ein einzelnes Wesen bilden. Eine Art Frankensteinmonster wenn du willst.<<
Gerry nickte und trank die halbe Dose in einem einzelnen Schluck leer. Seine Finger zerdrückten die Dose.
>>Wir setzen uns also an einen Tisch in der Kaffeebar und unterhalten uns über Billi S, Yeates und Poe. Ganz freizügig über die sexuellen Anspielungen, unverkrampft und niveauvoll. Er lädt mich am nächsten Tag zum Essen ein um das Gespräch zu vertiefen. Wir gehen am nächsten Tag also essen und unterhalten uns wieder über Literatur. Der Kerl ist richtig charmant, ein echter Gentleman sowas findet man nicht oft und schon gar nicht bei Männern unseres Alters. Es kommt wie es kommen muss, wir landen also bei ihm und diskutieren bei einer Flasche Wein weiter. Bevor ich mich versehe landet seine Hand unter meinem Hemd und die andere in meinem Höschen.<<
>>Warte kurz.<< Gerry stand auf, ging an den Kühlschrank, riss den Deckel von einer Dose die er in einem einzigen langen Zug austrank, sich eine zweite Dose fischte und wieder neben Nadine platz nahm. >>Okay. Was dann?<<
>>Willst du das wirklich hören? Du bist jetzt schon sauer.<<
Sie hatte keine Ahnung wie Recht sie damit hatte. Trotzdem nickte Gerry.
>>Na gut, wenn du willst.<< Sagte Nadine und nahm einen Schluck aus der Dose. >>Wir landen in der Kiste und es ist richtig gut, weisst du, er wusste was er wie machen muss um mich zum Höhepunkt zu bringen. Wir ficken die ganze Nacht durch bis wir beide nicht mehr wissen wo oben und unten ist. Er fährt mich nach Hause und sagt das wir unsere Treffen irgendwann wiederholen sollten. Und in den letzten vier Monaten taten wir das auch. Essen, Gespräche, Sex bis zum Sonnenaufgang. Guter Sex.<< Sie setzte die Dose an ihre Lippen. Gerry biss die Zähne zusammen, das erste Anzeichen, eine Eigenheit die ihn bereits etliche Termine bei seinem Zahnarzt eingebracht hatte.
>>Heute holt er mich ab und sagt er hätte eine Idee um zu beweisen wie wichtig ich ihm wäre. Er fährt mit mir ins Sinfull Inferno, schiebt mich in diese verdammte Suite und schüttelt den anderen Kerlen die Hände. Seinen Kollegen. Er sagt das er ihnen von mir erzählt hätte sie ihm aber nie glauben wollten. Er wollte ihnen beweisen das es mich wirklich gibt und das er zu mir steht. Sie sollten zusehen. Gerry. Er wollte mich vor ihren Augen ficken. Kannst du dir das vorstellen? Dieses Schwein! Deswegen habe ich dich angerufen.<<
Konnerlys Nackenmuskeln verkrampften sich, er kniff die Augen zusammen. Der Gedanke das Nadine sich von einem Mann benutzen lies der sie schlecht behandelte vertreib jede Menschlichkeit aus ihm. KILL- das Wort erschien vor seinem inneren Auge wie die Rundumleuchte eines Feuerwehrautos deren Licht für einen Sekundenbruchteil blendete.- KILL-KILL-KILL-KILL-KILL-KILL.
>>Alles okay?<< Fragte Nadine. >>Du hast dieses kalte Funkeln in den Augen.<<
>>Alles ist gut.<< Log Konnerly, das Gesicht zu einem schiefen bösartigen, mörderischem Lächeln verzogen. >>Könnte nicht besser sein.<<