Nach dem Zusammenbruch nach Tag X standen selbst die Streitkräfte der USA vor einem Problem. Als in den Wirren der ersten Monate nach dem Kollaps der internationale Finanzmarkt zerfiel und ein Staatsbankrott den nächsten jagde, desertierten gut die Hälfte aller Soldaten. Wer kann es ihnen verübeln? Ich würde auch nicht arbeiten gehen wenn ich wüsste dafür nicht bezahlt zu werden. Im allgemeinen Chaos und um sich greifender Anarchi und Gesetzlosigkeit kam irgendein cleverer General auf die Idee Waisenkinder zu rekrutieren. So wurde das Orphan Projekt ins Leben gerufen. Nichts anderes als ein Versuch die unbesetzten Stellen mit Kindersoldaten zu füllen. Man suchte ganz bewusst nach Waisenkindern, der Grund dafür war erschreckend einfach, niemand vermisst Waisen. Rekruteure suchten geeignete Kandidaten in Waisenhäusern oder auf der Straße, versprachen ihnen eine goldene Zukunft und boten ihnen drei warme Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf. Der Erfolg war überwältigend und überraschte selbst die höchsten Stellen der Militärführung. Kinder warn leicht zu beeinflussen, überaus gelehrig und im Kampf genauso effektiv wie ein erwachsener Mann... manchmal sogar wirkungsvoller.
So landete ich, durch Rays Hilfe, bei der OPCU 17. Der Orphan Projekt Combat Unit 17 in Camp Jefferson, Columbus, Ohio. Aus Gerry Konnerly, verstoßenes Waisenkind wurde in nicht ganz einer Stunde, Private Konnerly. Da soll nochmal jemand sagen ich hätte keine Karriere gemacht.
Ich war klein und dünn, die Uniform hing an mir herunter wie ein Kartoffelsack, meine Stiefel waren mindestens eine Nummer zu groß und die Handschuhe passten vorn und hinten nicht. Ich sah aus wie eine schlechtgemalte Schießbudenfigur.
Was mir an Größe und Kraft fehlte machte ich, angetrieben von Rachephantasien, durch Verbissenheit wett. Ich wollte unbedingt schnell groß und stark werden, möglichst viel lernen und dieses Wissen dann einsetzen um mich an den Schweinen zu rächen die meinen Vater auf dem Gewissen hatten. Nachdem ich mich zwei Wochen lang eingewöhnt hatte (eine ziemlich schwere Zeit) begann ich Gewicht zu zu legen. Durch das regelmäßige Essen und den vielen Sport bekam ich erste richtige Muskeln, durch die Vitamine und Kalorien wurde ein Wachstumsschub ausgelöst. Egal welche Aufgabe ich auch bekam, ob sinnlos oder langweilig, ich erfüllte die Anforderungen mit vollem Herzblut. Eines meiner Lieblingsfächer in der Ausbildung war >irreguläre Kriegsführung<, ein Themengebiet in dem man uns beibrachte aus wenig viel zu machen. Dazu kamen jeden Donnerstag zwei Stunden Nahkampfausbildung (du glaubst ja gar nicht wieviel Wege es für ein Kind gibt einen erwachsenen Mann mit bloßen Händen aus zu schalten) und natürlich das Schießen. Was auch immer auf dem Dienstplan stand, ich gab immer mein bestes und drückte mich nie vor unliebsamen Aufgaben.
Wann immer es möglich war nahm ich an Sonderkursen teil. Am liebsten an Kursen bei denen es um Waffen, Sprengstoff und Nahkampf ging. Eben Dinge die ich kennen und können wollte, oder besser gesagt, die ich kennen und können musste. Schließlich hatte ich noch große Pläne.
Unter den anderen OPCUs fand ich zwei wirkliche Freunde. John Jay und Echo.
John Jay war ein großer blonder Farmerssohn aus Nebraska der von sich selbst behauptete mit seinen 14 Jahren bereits eine Möse nach der anderen zu pfählen. Geglaubt habe ich ihm das nie. Echo war ein blasser dünner Kerl aus New York.
Am Morgen des 3 Juni 2038 wurden John Jay, Echo und ich ins Büro unseres Zugführers gerufen. Staff Sergeant Potter Crossman, ein ehrfurchtgebietender Kerl mit bis auf den letzten Quadratzentimeter tätowierten Armen und den Augen eines Wolfes.
>>Die Privates Krankow, Eccold und Konnerly melden sich wie befohlen Sir!<< Bellte ich die Meldung runter.
>>Stehen Sie bequem Privates.<< Er sah uns lange an, uns lief ein Schauer über den Rücken. Zweifellos hatte er von dem Sixpack erfahren das John Jay und ich aus dem Kühlschrank der Offiziersmesse geklaut hatten und würde uns auf Streichholzschachtelgröße zusammenstauchen. Ein Anschiss von Crossman war schlimmer als ein Anschiss von Gott persönlich.
>>Sie haben außergewöhnliche Leistungsbreitschaft gezeigt.<< Staff Sergeant Crossman schien mit seinen Wolfsaugen durch uns hindurch zu sehen. >>Sind Sie bereit für eine Sonderaufgabe?<<
>>Ja Sir.<< Platzte ich heraus bevor JJ und Echo etwas sagen konnten.
>>Nicht so vorschnell Konnerly.<< Ermahnte mich Crossman. >>Warten Sie ersteinmal ab worum es überhaupt geht.<<
Ich nickte verlegen.
>>Darf ich fragen worum es geht Sir?<< JJ hatte anscheinend sein Selbstvertrauen vor der Tür des Büros vergessen.
Einen langen Moment sah der Staff Sergeant uns nur an. Einzig das Ticken der Uhr über der Tür durchbrach die Stille.
>>Selektive Exekution.<< Im Klartext: Auftragsmord. >>Interessiert?<<
Ich sah JJ und Echo aus dem Augenwinkel an. Sämtliche Farben waren aus ihren Gesichtern gewichen. Ich erinnerte mich noch gut daran wie mies ich mich gefühlt hatte nachdem ich den Kerl in der Telefonzelle zusammengeschossen hatte. Ich war nicht unbdingt scharf darauf das noch einmal durch zu machen. Aber einfach ab zu lehnen war auch keine Alternative. Wozu brachte man uns schließlich bei zu kämpfen wenn wir gar nicht kämpfen wollten?
>>Ich mach´s Sir.<< Erklärte ich mich widerwillig bereit.
>>Ich auch.<< JJ klang noch weniger begeistert als ich.
>>Ich....ich... ich mache auch mit.<< Mit Echo waren wir dann also vollzählig.
>>Gut.<< Crossman nickte zufrieden. >>Ich brauche Ihnen ja wohl nicht zu erklären das diese Sache unter militärischer Geheimhaltung steht, oder?<<
Das bedeutete das Onkel Sam, die US-Army und nicht zuletzt Crossman persönlich uns in den Arsch ficken würde wenn wir jemandem davon erzählten. Die militärische Geheimhaltung zu verletzen konnte durchaus als Hochverrat ausgelegt werden. Was das für Folgen hatte brauche ich wohl nicht weiter erklären.
>>Einsatzbesprechung heute abend 2100 im Schulungsraum. Ruhen Sie sich bis dahin aus, Sie sind für heute vom Dienst freigestellt. Kommen Sie in zivil und halten Sie Ihren Kameraden gegenüber die Klappe. Capice?<<
>>Ja Sir.<<