Ich traf Nikki in meinem letzten Jahr in der OPCU 17. Ich hatte mir den Ruf als zuverlässiger, effektiver und verschwiegener >Specialist< erarbeitet. Ich war 16 und brachte seit vier Jahren Leute für die Army um. Meine Methoden waren einfach und schnörkellos. Ich klopfte an Türen, wartete in dunklen Gassen, ließ die Luft aus Autoreifen, legte mich mit einem Scharfschützengewehr auf die Lauer, lungerte in Parks und schoss meinem Opfer ohne großes Gerede in den Kopf. Manchmal brach ich in die Häuser meiner Zielpersonen ein und schnitt ihnen im Schlaf die Kehle durch. Ein paar mal schlitzte ich ihnen im Vorbeigehen die Oberschenkelarterie auf. Die Waffen für meine Morde kamen von der Bundesbehörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen. Das ATF belieferte mich fast jede Woche mit handverlesenen Stücken die sie irgendwann irgendwo beschlagnahmt hatten. Sturmgewehre, Pistolen, Schrotflinten, Scharfschützengewehre, manchmal sogar Handgranaten und Panzerfäuste. Was auch immer ich brauchte, das ATF lieferte 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr. Zu dieser Zeit bekam ich fast jede Woche mindestens einen >Spezialauftrag< und erledigte den Job genau so wie es die Offiziere haben wollten. Still und heimlich? Kein Problem. Öffentlich und blutig? Alles klar. Es soll wie ein Unfall aussehen? Aber sicher doch. Wieder ein ungeklärter Mord in Ohio.
An diesem Tag hatte ich einen jungen, aufstebenden Studentenführer mit einem Stahlrohr so hart auf den Kopf geschlagen das sein Hirnwasser aus den Ohren spritzte und sein Schädel nachgab wie eine zusammengedrückte Coladose. Job erledigt. Den Rest des Tages nahm ich mir frei, wollte in die City um mir etwas Nettes als Belohnung zu gönnen und stieg in die S-Bahn.
Es war ein dunkler, kalter Herbsttag, Nieselregen prasselte auf die Scheiben der Bahn, der Wind schob alte Plastiktüten und abgefallenes Laub über den nassen Straßenasphalt. Leute gingen in ihre Mäntel gehüllt und mit hochgezogenen Schultern hektisch von der Arbeit nach Hause oder von Zuhause zur Arbeit. Ich war gut gelaunt, sah auf die vorbeiziehende Stadt und hörte meine >>Soundtrack for a rainy day.<< CD. 28 Songs die ich mir extra für meine Mordaufträge zusammengestellt hatte. Kenneth Nolan, der Frontsänger meiner Lieblingsband Bomb Carpet, büllte >>Bloodbath Symphonies<< ins Mikro. Das Leben war gut.
Der Waggon in dem ich saß war rappelvoll mit nassen und frierenden Menschen und der einzige freie Platz war der auf dem ich meine Füße zwischengelagert hatte.
>>Hi<< Sprach mich eine Stimme an, die ich über hämmernde Gitarrenriffs und gebrüllte Sätze in keinen Kopfhörern kaum verstand. Ich drehte mich um und sah ein Mädchen in einem langen schwarzen Mantel. Vom Saum tropfte Regenwasser und ihre dünnen schwarzen Turnschuhe waren hoffnungslos durchgeweicht. Sie schien zu frieren, lächelte mich aber mit einer Wärme an mit der man locker hundert Häuser hätte heitzen können. Sie war wirklich hübsch. Lange dunkle Haare mit weinroten Strähnen, weiches feminines Gesicht mit strahlenden grünen Augen die sich hinter einer dezenten Brille mit schwarzem Rahmen versteckten, sportliche Figur und (soweit ich es durch den Mantel abschätzen konnte) einen guten Satz Titten und einen Arsch von dem selbst eine Kugel abgeprallt wäre. Knackig und fest. Sie war etwas größer als ich, kein Wunder bei meinem Meter 68.
>>Ist der Platz noch frei?<<
>>Ja, klar.<< Ich zog meine Füße vom Sitz.
>>Danke.<< Sagte sie, lächelte und setzte sich mir gegenüber.
Da ich schon damals auf die Meinung meiner Mitmenschen schiss headbangte ich zu Bomb Carpet, drehte die Lautstärke voll auf und fühlte mich einfach wohl. Ich beobachtete das Mädchen aus dem Augenwinkel während graffittibeschmierten Mauern grauer Häuser an uns vorbeizogen.
Sie las einen Katalog für Musikinstrumente, eine spezielle Seite hatte sie mit einem organgen Klebestreifen markeirt.
Nach etwa drei Minuten hob sie ihren Blick und erwischte mich dabei wie ich sie ansah. Scheiße, am liebsten wäre ich im Boden versunken. Ich rechnete schon damit kräftig eine gescheuert zu bekommen. In meinen Ohren hämmerten in voller Lautstärke die Memphis Manhunters mit dem unvergesslichen Shotgun Boogie.
>>Anscheinend war dein Tag besser als meiner.<< Sagte sie lächelnd. Ich drehte die Lautstärke meines Discman herunter. Ich konnte es kaum glauben. Da hatte ich mir seit ich sie zum ersten mal gesehen hatte überlegt auf welche Art und Weise ich sie ansprechen konnte und dann-PADAUTZ- nahm sie mir diese Bürde ab. Zum ersten mal überhaupt stand das Schicksal auf meiner Seite.
>>Was ist denn passiert?<< Fragte ich schüchtern. Ich war an Mädchen interessiert, sie nicht an mir. Deshalb hatte ich wenig bis gar keine Übung darin mit einem Mädchen, schon gar nicht einem so hübschen, zu sprechen ohne zu stottern oder mich im Satz zu verhaspeln.
Sie hob die Schultern und seufzte, ihr Blick fiel aus dem Fenster des Waggons. >>Meine Mitschüler. Die sind passiert.<<
Ach ja, es gab ja noch Jugendliche die nicht in der Army waren und die keine Leute umbrachten. Das hatte ich ganz vergessen. Ich hatte absolut keine Schulbildung. Null. Ich konnte zwar halbwegs lesen und schreiben, die Hauptrechenarten hatte ich auch mehr oder weniger drauf, trotzdem hate ich noch nie eine Schule von innen gesehen.
>>Haben sie was gegen dich?<< Fragte ich und zündete mir, im überfüllten Waggon, eine Chesterfield an. Irgendwo im vorderen Teil hustete jemand künstlich um mich daran zu erinnern das dies ein Nichtraucherwaggon war. Fick dich, steig aus wenn es dich stört.
>>Sie...<< Das Mädchen holte tief Luft, ihr Brustkorb (und damit ihre Titten) hob sich für einen kurzen Moment. >>Sie hassen mich.<<
>>Sie HASSEN dich?<< Ich sah sie ungläubig an. Für gewöhnlich leiteten solche Mädchen die Cheerleadergruppe oder waren Schulsprecher... wenn man den Filmen aus der Zeit vor Tag X glauben schenken konnte. >>Warum?<<
>>Weil ich nicht bin wie sie.<< Sie kratzte ihre Nase. >>Meine Schule ist ein beschissenes Toys-R-Us.<<
Ich kannte zwar die Spielzeugladenkette, kapierte aber nicht was sie damit meinte.
>>Wo du auch hinsiehst, überall nur Barbie und Ken. Eine heile Welt in der alles so verflucht sauber ist, so knuffig und mit einem flauschigen rosa Plüschteppich überzogen. Solange meine Kreditkarte funktioniert und ich alles in den Arsch geschoben bekomme ist alles in Ordnung.<< Erklärte sie als sie meinen fragenden Blick sah.
Ich nickte und erklärte mir das ganze so: Das Mädchen das mir gegenüber saß war keine dieser falschen, heuchlerischen, aufgestylten Ich-bin-ja-ach-so-scheiss-beliebt-und-es-ist-so-verdammt-wichtig-Fotzen. Sie trug schwarz während alle um sie herum pink trugen. Sie hörte Death Metal während alle um sie herum die neueste auf nett und cool getrimmte Boy/Girlgroup hörten. Sie sagte was sie dachte, während die anderen gar nicht dachten. Sie pisste Napalm, die anderen pullerten Zuckerguss. Deswegen hassten sie ihre Mitschüler. Weil sie anders war. Echt.
Ich zuckte mit den Schultern. >>Auf welche Schule gehst du?<<
>>Das Falcon Education Center in der Innenstadt.<< Sie spie verächtlich. >> Zwischen eine Shopping Mall und einen Starbucks gebaut.<<
Das Falcon Education Center, kurz FCE, war eine Eliteschule die im Monat mehr kostete als ein normaler Arbeiter im Jahr verdiente.
>>Kannst du die Schule nicht wechseln?<< Fragte ich nach einer peinlichen Pause.
>>Das würde ich gern, leider erlauben es meine Eltern nicht.<<
Stimmt, es gab ja auch Jugendliche deren Eltern nicht am Galgen endeten.
>>Warum nicht?<< Gut so Gerry, halt irgendwie das Gespräch am laufen. Wenn es sein muss laber Scheiße oder, noch besser, lass sie reden. Gewinn Zeit. Wieder hob sie die Schultern.
>>Sie denken das es extrem wichtig ist einen guten Schulabschluss zu machen um auf ein gutes Colledge zu kommen um einen guten Job zu bekommen. Was ich will ist ihnen egal. Weisst du sie kümmern sich einen Scheissdreck um mich. Jeden Monat bekomme ich meine Kohle und ansonsten bin ich eben das nette Assesoir das man aus dem Hut zaubern kann wenn man angeben will.<<
>>Assosoir.<< Lächelte ich. >>Nett ausgedrückt.<<
>>Danke. Immer wenn eine Cocktailparty mit ach so wichtigen Geschäftspartnern ansteht, wenn es irgendwo ein gezwungenes ungezwungenes BBQ gibt, holen meine Alten mich hervor stecken mich in ein teures Designerkleid und erwarten das ich die perfekte Tochter bin.<<
>>Hast du ihnen mal gesagt das du etwas anderes willst?<<
>>Hunderte male.<< Sie seufzte. >>Aber ich habe keine eigene Meinung zu haben.<<
>>Ich bin übrigens Nikki.<< Sagte sie und reichte mir die Hand.
>>Gerry.<< Stellte ich mich vor und drückte ihre weiche, warme Hand mit meiner groben, ungelenkten Pranke.
Meine Endstation kam, die Türen öffneten sich. Ich blieb sitzen.