33: Freier Fall

Stell dir vor du willst deinem Leben ein Ende setzen. Du steigst auf das höchste Gebäude der Stadt. Unter dir rauscht der Verkehr, Autos hupen, Fahrradfahrer schlängeln sich durch die Masse der Fußgänger auf dem Bürgersteig. Du kletterst über die Absperrung und stellst deine Füße auf die Dachkante. Dein Herz rast, deine Hände sind nass vor kaltem Schweiß. Noch einen Schritt weiter und es gibt kein Zurück mehr. Schließt du die Augen? Oder willst du es kommen sehen? Du trittst ins Leere. In den vorbeifliegenden Fenstern siehst du dein Spiegelbild in einer grotesk verdrehten Haltung. Deine Wahrnehmung verlangsamt sich, alles läuft in Zeitlupe, die Welt verliert ihre Farbe bis alles zu einem schwarz-weißes Zerrbild der Realität verkommt. Die stroposkopartige Diashow deines Lebens zieht an deinem Inneren Auge vorbei. Geburtstage, deine Einschulung, Weihnachten mit der Familie, Silversterpartys mit deinen Freunden, du streichelst dein Haustier, Urlaubserinnerungen, Streit, Zorn, Wut, Freude, Angst, Hoffnung, deine erste Liebe, dein erster Job. Gute wie schlechte Erinnerungen laufen in deinem Kopf wie ein Film mit 9,81 Meter pro Sekunde. Dir fallen Dinge ein die dir Freude bereitet haben, Dinge die du gern getan hast, Dinge die du immer einmal machen wolltest. Dinge die du nie sehen wirst. Dinge für die es vor einer Sekunde noch nicht zu spät war. Und während dein Körper unaufhaltsam in die Tiefe fällt bereust du was du getan hast. Es gibt keine Rettung. Superman hat heute frei. Du wirst sterben. Sanitäter werden deine zertrümmerten Überreste vom Asphalt kratzen. Die Bullen werden deinen Eltern die Nachricht überbringen. Wie werden sie es aufnehmen? Wird Dad sich in seiner Trauer und seinen Selbstvorwürfen in den Alkohol flüchten? Wie lange wird Mom brauchen um dieses Trauma zu verarbeiten? Was wird aus deinen Geschwistern? Wie werden sie es verkraften? Wenn überhaupt.
Während du fällst eröffnen sich die Lösungen all deiner Probleme. Liebeskummer, Schulden, eine Last auf deiner Seele. Alles vergessen. Alles nicht mehr wichtig. Du siehst den Beton auf dich zurasen. Das ist das Ende. Und in dem Moment in dem die Steinplatten des Bürgersteiges deine Haut gerade soweit berühten das du spüren kannst wie kalt das Pflaster ist denkst du dir: Hoffentlich tut es nicht weh.

Alles hatte damit begonnen das ich mich zwei Wochen zuvor eines Abends mal wieder sinnlos besoffen hatte. Ich war schlecht drauf und hatte absolut mieserable Laune. Als Nikki überraschenderweise anrief, stellte sie mir eine einzige Frage. >>Könntest du dir mit mir was Ernstes vorstellen?<<
Meine Antwort: >>Sorry aber ich glaube nicht das wir wirklich zusammenpassen, ich mag dich aber ich denke nicht das das mit uns für lange Zeit halten wird.<< Danke Karma, ich hoffe du bekommst Krebs!
Sie hatte wortlos aufgelegt.

Es wäre falsch an dieser Stelle dem Alkohol die Schuld zu geben. Niemand hatte mich gezwungen mich voll zu schütten. Ich hatte eine freie Entscheidung getroffen und war mir klar das ich mir eher früher als später selbst mit meiner Sauferei in die Fresse hauen würde. Die Frage war nicht ob es passierte, sondern wann, und welchen Schaden ich damit anrichtete.
Als ich den Hörer auf das Telefon legte, kaltschte ich aufs Straßenpflaster. Jeder einzele meiner Knochen zersplitterte in tausende kleine Bruchstücke. Brückstücke die sich ins Hirn bohrten und ins Herz.
Ein eine ehrliche Antwort auf eine Frage kann dir die Hand reichen und dich von der Dachkante wegziehen, oder dich am Genick packen und hinunter werfen.
Meine Frage war: Hast du in der Zwischenzeit einen Freund gefunden?
Nikkis Antwort war kurz und direkt: Ja.
PLATSCH. Herzlichen Dank an die Fensterputzer die mein Gehirn von den Scheiben im neunten Stock wischen.
Zwei Buchstaben die mich getroffen hatten als hätte man mir eins mit einem Kantholz verplättet. Game Over. Kein Happy Fucking End.
>>Einen netten Jungen der gerade erst auf das FCE gekommen ist.<< Ich hörte an ihrer Stimme das Nikki lächelte. >> Es hat eben einfach gefunkt.<<
>>Hmmm...<< Mir wollten keine passenden Worte einfallen. In meinem Kopf drehte sich alles. >>Einfach... gefunkt... bleibst du bitte kurz dran?<<
>>Klar.<<
Ich stand von meinem Bett auf, ging an meine Schrankbar und kippte mir das Erste in den Hals das ich in die Finger bekam. Jack Daniel´s. Nach zwei großen Schlucken direkt aus der Flasche setzte ich mich wieder auf mein Bett und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand.
>>Gerry?<< Fragte Nikki. >>Das ist doch kein Problem für dich, oder?<<
Was für eine Frage. Ist es ein Problem für dich wenn ich dir in den Kopf schieße? Nein, absolut nicht, nimmst du deine eigene Knarre oder soll ich dir meine leihen?
>>Würde das was ändern?<< Fragte ich zehn Minuten bevor Jack Daniel´s den letzten nüchternen Gedanken für die nächsten drei Monate ablöste.
>>Tut mir leid.<< Sagte Nikki und legte auf. Sie klang traurig.
Da saß ich nun, wie mit einem Vorschlaghammer verprügelt, starrte an das Punisherposter über meinem Wäschekorb und spürte wie sich 40% Alkoholgehalt in meiner Blutbahn ausbreiteten.
Gut gemacht Gerry. Das hast du ja ganz großartig hinbekommen. Du verdammter Vollidiot! Jetzt sitz du da wie bestellt und nicht abgeholt. Wie fühlst du dich? Fühlt sich beschissen an oder? Jetzt hast du eine grobe Ahnung wie Nikki sich gefühlt hat. Sie mochte dich und du mochtest sie, wo war eigentlich dein versoffener Verstand? Das hast du jetzt davon. Was für ein Mann bist du überhaupt? Fährst ein totsicheres Ding an die Wand. Du fühlst dich scheiße? DU HAST ES AUCH NICHT BESSER VERDIENT.
Ich kübelte mir den Rest Jack Daniel´s rein um den Netzstecker zu ziehen. Mit einer Alkoholvergiftung in der Notaufnahme zu landen wäre der krönende Abschluss eines gelungenen Abends. Auf jeden Fall wäre es nicht der Tiefpunkt des Tages.
Frisch gebrochenes Herz, literweise hochprozentiger Alkohol und unbegrenzter Zugang zu Schusswaffen, eine Zusammenstellung die schon etliche Leichensäcke gefüllt hatte. Ich wäre nicht der erste Kerl der sich wegen einer Frau die Hauptbeleuchtung auspustet. Was kann man sich mit 16 sonst noch wünschen?
Ach ja. Vielleicht jemanden mit dem man hätte reden können. Jemanden der sich darum kümmert wie es einem geht.
In den nächsten drei Monaten zog ich immernoch tagsüber meine Aufträge durch, 22 Striche auf dem Bodycount. Abends musste ich mich bewusstlos saufen um überhaupt schlafen zu können. Das Schlimmste waren die Phasen zwischen Vollrausch und Umkippen. Der Moment in dem die Erinnerungen, so verzerrt sie auch sein mochten, am stärksten waren. Wenn dann die Lampen ausgingen hatte ich zumindest für ein paar Stunden Ruhe vor dem Quälgeist in meiner Brust und in meinem Kopf.

Und so findet die Geschichte mit Nikki und mir ihr jähes Ende. Wäre ich cleverer gewesen, wer weiss wohin die Sache geführt hättte. Hätte, wäre, wenn, vielleicht... Illusionen.

16.10.11 11:07

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