35: Zuviel Ketchup

Es gab nicht viele Anblicke die Gerry aufs Gemüt schlugen, deswegen konnte er auch ohne die Spur eines schlechten Gewissens vor dem aufgestellten Plastikschild der UNICEF stehen, sich das Bild eines verhungernden Babys ansehen und seelenruhig sein viel zu großes Steaksandwich essen von dem die Hälfte im Mülleimer landen würde. >Jeder Cent hilft< versprach das Schild. Gerry sah das Bild des abgemagerten, schreienden, um Nahrung bettelnden Kindes, biss in sein Sandwich und grinste. Weder UNICEF noch Terre des Hommes oder sonst eine Hilfsorganisation würde auch nur einen Penny von den 400 Dollar sehen die in seiner Brieftasche steckten, oder von den 8000 Dollar die im Waffenschrank in seinem Büro neben den Schachteln mit 9mm Munition lagerten. Nicht das er rassistische Motive hatte, das Baby auf dem Foto hätte genausogut weiß oder asiatisch sein können statt schwarz. Es war Gerry schlicht und einfach scheissegal ob ein Kind irgendwo am anderen Ende der Welt den Hungertod starb. Genauso scheissegal war es ihm wenn ein Kind seiner Nachbarn vor Hunger umkam.
>>Furchtbar oder?<< Fragte eine junge Mutter die ihren Kinderwagen vor dem Schild stoppte.
Gerry würgte den Bissen seines Sandwich hinunter.
>>Zuviel Ketchup aber sonst nicht schlecht.<<
Die Mutter sah ihn mit dem Blick an den junge Mütter bekommen wenn man ihnen sagt das ihr Kind aussieht wie jedes andere Baby das man zuvor gesehen hat. Eine Mischung aus Feindseeligkeit und Irritation.
>>Ich meine das Bild.<< Sagte sie mit hörbarem Nachdruck. >>Macht Sie das nicht traurig?<<
Er biss herzhaft ins Fleisch, Steaksoße und Ketchup tropften auf den Gehweg. >>Kein Stück.<< Gestand Gerry mit vollem Mund. >>Sollte es?<<
>>Haben Sie mich gerade gefragt ob das Bild eines verhungernden Kindes Sie traurig machen sollte?<< Fragte die Mutter entsetzt. >>Natürlich sollte es das!<<
>>Warum?<<
>>Weil dieses Kind stirbt!<< Ihre Stimme klang fassungslos. >>Verstehen Sie? Es stirbt!<<
>>Es sterben jeden Tag Menschen, überall auf der Welt, gerade jetzt während wir reden.<<
>>Aber das ist ein Kind. Ein wehrloses, schutzloses, unschldiges Kind.<<
>>Aus einem Flüchtlingslager in Afrika.<<
>>Sind Sie ein Nazi oder warum macht das einen Unterschied?<< Die junge Mutter war entsetzt.
>>Ich bin kein Nazi.<< Das war er wirklich nicht, Rassismus war schlecht fürs Geschäft.
>>Selbst wenn diesem Kind geholfen wird, was ich nicht glaube da es inzwischen tot sein dürfte, ist das keine Garantie dafür das es auch überlebt.<<
Gerry spuckte eine unkaubare Sehne in den Mülleimer am Straßenrand.
>>Woher wissen Sie das Ihr Geld nicht einfach einkassiert wird oder das von ihrem Dollar nicht nur zwei Cent ankommen? Angenommen dieses Kind bekommt zu essen. Wer sagt denn das es nicht an AIDS stirbt, oder in einem Bürgerkrieg umkommt, vielleicht wird es in ein paar Jahren als Kindersoldat zwangsrekrutiert, vielleicht wird es von wilden Tieren gefressen, unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Vielleicht ist dieses Kind ein Mädchen aus Westafrika und wird beschnitten. Haben Sie schonmal gesehen wie so eine Beschneidung aussieht?<<
>>Ich...ääääääh...nein habe ich nicht.<< Gab die Mutter kleinlaut zu.
>>Kein schöner Anblick. Ich habe in vier afrikanischen Bürgerkriegen gekämpft und musste mir so eine Scheiße fast jeden zweiten Tag ansehen, ein Drittel ist an Ort und Stelle verblutet als man ihnen ohne Betäubung mit einer Rasierklinge Klitoris und Schamlippen entfernt hat, ein Drittel ist später an einer Wundinfektion krepiert und das letzte Drittel führt ein Leben von dem ich als Unbeteiligter denke das es kein Leben für eine Frau ist.<<
Der Frau standen die Tränen in den Augen. Gerry warf einen Blick in den Kinderwagen. Das Baby trug eine rosa Wollmütze. Ein Mädchen.
>>Sie waren Soldat?<< Fragte die Mutter schniefend.
>>Ich bin Söldner und habe schon Dinge gesehen die grausamer waren als verhungernde Kinder.<<
Er hatte solche Dinge nicht nur gesehen.
>>Bevor Sie jetzt also einen Dollar in diese Spendendose stecken, sollten Sie sich fragen ob diesem Kind damit wirklich geholfen ist oder ob es nicht mehr bringt ihr Geld zu sparen um Ihrem eigenen kleinen Mädchen nicht ein Paar dicke Socken für den Winter zu kaufen.<<
Gerry ließ die Mutter mit ihrem Kinderwagen vor dem Schild der UNICEF stehen. Ob sie wohl doch noch einen Dollar in die Spendendose werfen würde? Zumindest würde sie es sich jetzt zweimal überlegen.
Doch dann sah er etwas das ihm auf den Magen schlug. Etwas das anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zauberte ließ seine Stimmung tiefer sinken als sie ohnehin schon war. Einen leuchtenden roten Weihnachtsstern, den eine Verkäuferin ins Schaufenster ihres Gemischtwarenladens hing. Weihnachten stand vor der Tür. Gerry hasste Weihnachten. All die fröhlichen Menschen die überall auf der Welt durch die Straßen der Städte wuselten um Geschenke für die Lieben daheim zu besorgen, die Weihnachtslieder in den Radios, die geschmückten Tannenbäume, der Geruch nach Pfefferkuchen und gebrannten Mandeln, Santa Claus und sein HO HO HO, die Weihnachtsfeiern in den Fabriken und Büros, Rudolph the fucking red noses reindeer. Gerry hasste das alles abgrundtief. Weil es ihn daran erinnerte das er niemanden hatte mit dem er am Weihnachtsmorgen Geschenke auspacken konnte, das es für ihn kein fröhliches Familienessen mit Eltern, Geschwistern, Onkeln, Tanten, Großeltern, Cousins und Cousinen gab, das niemand mit ihm auf Weihnachtsmärkte ging um sich im Schnee an Glühwein zu wärmen. Das er niemanden hatte dem er wichtig war. Dieses Weihnachtsfest würde ablaufen wie die letzten acht Weihnachtsfeste auch. Gerry allein mit zwei Flaschen Tequila, einer Kiste Blue Bizon und dem Waffenschrankschlüssel. Vielleicht brachte er dieses mal ja genug Mut auf um den Abzug zu drücken.

12.11.11 07:33

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL